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Achtung, Schnäppchen



Der kurzfristige Handel an den Spotmärkten gewinnt für das Geschäft mit Erdgas an Bedeutung. Das ist gut so. Aber wer glaubt, Langzeitverträge mit Ölpreisbindung seien dadurch verzichtbar geworden, irrt. Der GASWINNER zeigt: Die Mischung macht’s.

Für die Erdgaskunden in Deutschland enthielt der Weltenergiebericht der Internationalen Energieagentur (IEA) im November scheinbar eine frohe Botschaft. Das Angebot an Erdgas nehme weltweit stärker zu als die Nachfrage, die Preise blieben auf Jahre hinaus unter Druck. Die Auslastung der vorhandenen Pipelines sowie der Transportkapazitäten für verflüssigtes Erdgas (LNG ) werden bis zum Jahr 2015 deutlich sinken, heißt es in der jährlichen Statistik zur Entwicklung der internationalen Energiemärkte.

Medien und Energiehändler griffen das Thema sofort auf: Der Energiemarkt erlebe eine „Gasschwemme“, die „Gasblase“ platze. Es passte trefflich zur aktuellen Analyse der IEA, dass die Leipziger EEX, die führende Energiebörse in Kontinentaleuropa, für den Monat Oktober den bislang umfangreichsten Spothandel für Erdgas in ihrer fast zehnjährigen Geschichte meldete. Rund 700 Handelsgeschäfte verbuchte die EEX, gegenüber 310 im September. In Leipzig und an anderen europäischen Energiebörsen wurde Erdgas teils deutlich unter den Preisen von langfristig kontrahierten Gasmengen gehandelt. Wird Erdgas zur Schnäppchen-Energie?

Drei wesentliche Faktoren brachten die Erdgaspreise 2009 unter Druck. Die Weltwirtschaftskrise hatte der Industrieproduktion rund um den Globus einen schweren Dämpfer versetzt. Infolgedessen sank der Verbrauch aller drei fossilen Energieträger, von Erdöl, Kohle wie auch von Erdgas. Zugleich aber wuchs der Handel mit verflüssigtem Erdgas weiter. Dieses Gas, das tiefgekühlt in Spezialschiffen von den Exportländern rund um die Welt zu den Abnehmern transportiert wird, ergänzt in Europa die Versorgung mit Pipeline-Gas, in Deutschland allerdings bislang nur in geringem Umfang. In den USA wiederum, dem weltweit größten Erdgasmarkt, stieg zuletzt die Produktion aus den landeseigenen Erdgasfeldern an. Das wirkte sich international auf die LNG -Preise aus. Norwegen, neben Russland Europas wichtigster Erdgaslieferant, reagierte auf die allgemeine Nachfrageschwäche und handelte verstärkt freie Erdgasmengen über die Energiemärkte und -börsen.

Die Entwicklung der Erdgaspreise am Spotmarkt facht vor allem in Deutschland die Diskussion um die Ölpreisbindung an. Deutschland importiert mehr als 80 Prozent seines jährlichen Erdgasbedarfs. Der weitaus größte Teil davon wird durch Pipelines transportiert und ist mit langfristigen Verträgen gesichert. Seit den 1970er Jahren hat sich in Kontinentaleuropa ein stark wachsender Importmarkt entwickelt. Um Investitionssicherheit bei der Erschließung neuer Erdgasfelder wie auch beim Bau der teils Tausende Kilometer langen Pipelines zu gewinnen, koppelten Exporteure und Importeure den Erdgaspreis von Beginn an an die Entwicklung der internationalen Leitenergie Erdöl. Das ist bis heute ein integraler Bestandteil dieses Marktes.

Die Preissignale am Spotmarkt bestärken Kritiker in ihrer Auffassung, dass die Ölpreisbindung in den Importverträgen ein Anachronismus sei und gekippt werden sollte. „Da die IEA von einem wachsenden Überschuss am Erdgasmarkt ausgeht, kann eine Loslösung des Erdgaspreises vom Ölpreis absolut sinnvoll sein“, sagte Dagmar Ginzel vom Verbraucherportal Verivox. Ähnlich argumentierte zuletzt die IEA selbst: „Sollten die großen Exportländer einknicken und die Konditionen in den langfristigen Lieferverträgen ändern, also mehr Gas auf dem Spotmarkt geben, wären tiefere Preise die Folge“, hieß es im November. „Das würde die Nachfrage ankurbeln und dabei helfen, dass bei der Energieerzeugung Gas zukünftig eine größere Rolle spielt.“

Die Diskussion um die Ölpreisbindung könnte sich aber als kurzsichtig erweisen. Viele Entwicklungen der vergangenen Jahre, wie der Transit-Streit zwischen Russland und der Ukraine, haben gezeigt, welche Bedeutung stabile Rahmenbedingungen gerade an den Energiemärkten besitzen. Langfristige Lieferverträge, gekoppelt an einen Indikator wie die Ölpreise, schaffen Verlässlichkeit: „Wenn allein Angebot und Nachfrage den Gaspreis regeln, kann es beispielsweise im Winter sehr teuer werden“, sagt Thorsten Kasper vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. „Es könnte also ohne Ölpreisbindung zu massiven Preissteigerungen kommen.“


Beim Erdgas machten die Marktteilnehmer vor allem in den USA und in Großbritannien – Ländern mit ausgeprägten Energie-Spotmärkten – unangenehme Erfahrungen. Die Versorgungskrisen und sogenannten „Blackouts“ in Kalifornien zu Beginn des Jahrzehnts hingen auch damit zusammen, dass die Stromkonzerne dort keine ausreichenden, langfristigen Bezugsverträge für das nötige Erdgas abgeschlossen hatten. Der britische Markt wiederum, der lange Zeit durch eigene Vorräte in der Nordsee versorgt werden konnte, kam durch die rückläufige Eigenförderung unter Druck. „Die starke Orientierung der britischen Gaspreise am dortigen Spotmarkt, dem NBP, bringt eine enorme Preisvolatilität mit sich, die gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Gasverbraucher vor große Herausforderungen stellt und die Auswirkungen auf die kontinentaleuropäischen Erdgasmärkte hat“, sagt Gerhard König, Sprecher der WINGAS -Geschäftsführung. „In der Frage der Versorgungssicherheit ist das britische System sicher nicht als Vorbild geeignet.“

Ein wichtiger Unterschied zwischen  dem deutschen Erdgasmarkt und dem britischen – dem größten in Europa – besteht darin, dass ein System von Erdgasspeichern in Großbritannien erst im Aufbau ist. Die dortigen Speicher decken derzeit den Bedarf des Landes nur für 15 Tage. Die deutschen Erdgasversorger wiederum verfügen über erheblich größere Kapazitäten. WINGAS etwa betreibt unter anderem Deutschlands größten Erdgasspeicher im niedersächsischen Rehden und baut derzeit in Jemgum in Ostfriesland eine weitere Anlage. Die deutschen Erdgasspeicher bevorraten rund ein Viertel des gesamten jährlichen Erdgasbedarfs hierzulande. Gerade ein System von langfristigen, teils über Jahrzehnte laufenden Lieferverträgen und von Erdgasspeichern aber bietet den Versorgungsunternehmen die Möglichkeit, auch die Vorteile von Spotmärkten zu nutzen und sie an ihre Kunden weiterzugeben.

„Wir nutzen sämtliche europäische Spotmärkte zur Optimierung unseres Portfolios, etwa den Spotmarkt im belgischen Zeebrügge“, sagt Gerhard König. „Allerdings werden der überwiegende Teil unserer Beschaffung Langfristverträge mit Ölpreisbindung bleiben. Das gibt Sicherheit sowohl für milliardenschwere  Investitionen wie auch für den verlässlichen Bezug der nötigen Mengen.“

Die Weltwirtschaftskrise hat gelehrt, wie anfällig langfristige ökonomische Prognosen sind, auch für die Energiemärkte. Die Entwicklung der Weltbevölkerung lässt aber keinen Zweifel daran, dass der Energiebedarf langfristig weiter wachsen wird. Genau dies wird auch im jüngsten Weltenergiebericht der IEA vom November 2009 deutlich. Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass bis zum Jahr 2030 zusätzliche Erdgaskapazitäten von jährlich 2,7 Billionen Kubikmetern gebraucht werden, um ältere Erdgasfelder zu ersetzen und den weltweit wachsenden Bedarf abzudecken. Das entspreche, so die IEA, rund der vierfachen heutigen Kapazität des weltgrößten Erdgasproduzenten Russland.

Das bedeutet hohe Investitionen, aber auch wachsende Konkurrenz zwischen den Weltregionen um Energie. Spotmarkt-Gas ist da besonders beweglich. Jene LNG -Tanker, deren Ladungen nicht vertraglich gebunden sind, fahren kurzfristig dahin, wo für das Erdgas der optimale Preis bezahlt wird. Schon im nächsten wirtschaftlichen Aufschwung wird man die Ölpreisbindung am europäischen Erdgasmarkt vielleicht wieder völlig anders bewerten.
 
Der Autor: Olaf Preuß


»Spotmarktpreise sind sehr volatil«



Philip Detharding, Head of Trading bei WINGAS, über die Möglichkeiten des Spothandels für Stadtwerke. weiter

Glossar: Spotmarkt, OTC & Co.

Spotmarkt (Day-Ahead-Market): Der Begriff, der ursprünglich aus dem Rohölhandel stammt, bezeichnet den Handel von Rohstoffen, Waren oder Wertpapieren zwischen Anbieter und Nachfrager zum sofortigen Vollzug, in Deutschland in der Regel innerhalb von zwei Tagen. Geschäfte mit Fristen darüber hinaus werden am Terminmarkt abgeschlossen.
 
Over the Counter: Auch OT C-Handel, „über den Tresen“, beschreibt den Handel mit Finanzprodukten, Energie oder Rohstoffen direkt zwischen Anbieter und Nachfrager oder über Broker unter Ausschluss der Börse.
 
Physische Lieferung: Verkürzt gesagt, die Lieferung der beschriebenen Ware anstelle des reinen Kontraktes. Im Gashandel werden die an den Börsen vereinbarten Kontrakte in der Regel tatsächlich „physisch“ geliefert. Bis zur Fälligkeit des Vertrages können die Mengen aber im Prinzip beliebig oft gehandelt werden, um Preisschwankungen zu nutzen.
 
Regelenergie: Wird benötigt, um die Betriebsspannung in Strom- oder Erdgasnetzen aufrechtzuerhalten. So wird Regelenergie gekauft, um Verluste zu decken oder verkauft, wenn Überkapazitäten bestehen. Für den kurzfristigen Handel von Regelenergie eignen sich unter anderem die Energiebörsen.

eeX in Leipzig – Energiebörsen gewinnen an Bedeutung



An der European Energy Exchange (EE X) in Leipzig wird mit Strom, Erdgas, Kohle sowie mit Emissionsrechten für Kohlendioxid (CO2) gehandelt. Auch Nordpol in Oslo und APX in Amsterdam sind wichtige Energiebörsen in Europa. weiter

LNG – Der weltumspannende Handel mit tiefgekühltem Erdgas



Tiefgekühltes, verflüssigtes Erdgas spielte – aus Mangel an Pipelines – zunächst in Japan und Südkorea eine Rolle, aber auch in den USA und in Südeuropa. Mittlerweile hat sich  jedoch ein weltumspannender Handel entwickelt. weiter