Europas Schatz in der Silbersee
Das Erdgas für Europa stammt zu großen Teilen aus heimischen Quellen. Denn mit der Nordsee liegt das größte Offshore-Fördergebiet der Welt gleich vor der Haustür. Moderne Spitzentechnologie spielt dabei eine zentrale Rolle. Der Helikopter landet sanft auf dem obersten Deck der F16-A. Martin Bruin, Hauptverantwortlicher auf der Plattform, nimmt seine Gäste persönlich in Empfang. Der Arbeitsplatz des Head of Mining Installation (HMI) wirkt an Tagen wie diesem geradezu idyllisch: Die Morgensonne wärmt die Haut, die Nordseewellen umschmeicheln die Beine der stählernen Insel, als gäbe es so etwas wie stürmische See nicht. Wie ungemütlich es hier bei Windstärke neun oder zehn sein muss, lässt sich allenfalls erahnen. Die Förderplattform liegt 140 Kilometer von der niederländischen Küste entfernt, im Block F16. Sie ist eine von mehr als 500 Plattformen in der Nordsee, dem größten Offshore-Fördergebiet der Welt. Von hier stammt rund ein Viertel des von WINGAS vertriebenen Erdgases. Es wird von verschiedenen Produzenten gefördert, allen voran von der WINGAS-Mutter Wintershall, die über rund 150 Nordseeblöcke verfügt. Das Kasseler Unternehmen hat seine Förderung kontinuierlich ausgebaut und ist heute einer der größten Erdgasproduzenten in den Niederlanden und in Norwegen. In der deutschen Nordsee liegt Wintershall mit einer Jahresproduktion von rund 400 Millionen Kubikmeter Erdgas unangefochten an der Spitze.
5350 Tonnen bringt die Plattform einschließlich ihrer Aufbauten – darunter ein schwerer Kran, der 16 Tonnen heben kann – auf die Waage. Das Leben auf der künstlichen Insel läuft völlig autark: Eine Meerwasserentsalzungsanlage liefert Trinkwasser für die Besatzung, ein eigener Gasgenerator erzeugt Strom. Beim Bau der Plattform wurde vorausgedacht: Slots für zusätzliche Produktionsbohrungen sind bereits vorinstalliert, das Gleiche gilt für Vorrichtungen zur Gaskompression, um eines Tages die Ergiebigkeit der Lagerstätte „strecken“ zu können. Das Erdgas aus den vier aktiven Bohrungen wird über ein verschlungenes System aus Rohren und Ventilen von Deck zu Deck geleitet. Unterwegs wird es getrocknet und aufbereitet, bevor es über die wuchtige Exportpipeline die Plattform in Richtung Festland verlässt. Die neue Technologie soll die Betriebskosten senken und dadurch die Erdgasförderung in der Nordsee wirtschaftlicher machen. So sind Nachtschichten auf den Plattformen überflüssig geworden. „Das übernehmen jetzt die Operator in der Zentrale“, sagt Jonker. Zwei Operators sitzen rund um die Uhr im zentralen Kontrollraum, dem Herzstück des RCO-Gebäudes. Jeder von ihnen hat zehn Monitore und eine riesige Monitorwand im Blick. Regelmäßig senden die Plattformen aktuelle Daten nach Den Helder. So wissen die Festlandmitarbeiter immer, wie viel Gas wo gefördert oder transportiert wird. Gleichzeitig können sie selbst die Mengen verändern, denn die Ventile auf den Produktionsplattformen lassen sich per Fernbedienung öffnen oder schließen. Das ist besonders wichtig, sollte es zu einem Zwischenfall kommen. Alle Operators haben zuvor selbst auf Plattformen gearbeitet. „Ich mag beide Tätigkeiten“, erzählt Frank Zaaijer, einer von zwölf Mitarbeitern des Kontrollraums. Seine Frau finde es allerdings besser, wenn er auf dem Festland arbeite. „Denn dann kann ich abends nach Hause kommen.“
140 Kilometer südöstlich macht sich Age Jonker ebenfalls bereit. Er sitzt in der Zentrale für Remote Controlled Operations (RCO) im niederländischen Den Helder. Per Richtfunküberwachung betreibt Wintershall von hier aus 19 Gasförderplattformen in der südlichen Nordsee. Wenn Age Jonker aus dem Fenster schaut, ist sein Ausblick zwar weniger malerisch, dafür aber nicht minder spektakulär. Er blickt auf den benachbarten Flughafen von Den Helder, wo im Minutentakt Helikopter starten und landen. An Bord: Plattformpendler auf dem Weg zur Arbeit. Um Punkt 8.30 Uhr schaltet Jonker die Verantwortlichen der bemannten Offshore-Plattformen auf den Großbildschirm des Kontrollzentrums. Martin Bruins Konterfei erscheint unten links. „Auf der F16-A läuft alles, keine besonderen Vorkommnisse“, meldet sich der HMI zu Wort. Seine Kollegen von den übrigen Plattformen erstatten ebenfalls Bericht. Die tägliche Videokonferenz ist nur einer von vielen Bausteinen, die die RCO-Zentrale zu einem der modernsten Plattform- Kontrollzentren der Welt machen. „Fast alle Unternehmen haben Kontrollzentren, aber dort findet nur Monitoring statt. Wir dagegen steuern direkt die Produktion“, erklärt Age Jonker. Autor: Gabriele Sümer |
»Chancen auch für kleine Lagerstätten«
Gilbert van den Brink, Managing Director der Wintershall Noordzee, über die Erdgasproduktion im größten Offshore-Fördergebiet der Welt. weiter |




