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Einfach Sagenhaft

Hameln hat eine eigene Zeitrechnung. Demnach schreiben wir das Jahr 726 „nach dem Verschwinden der Kinder“. Doch die Zeit steht hier keineswegs still. Heute bevölkern nur noch Brotratten die Stadt und es geht mit den Stadtwerken zielsicher in die Zukunft.



Hinter Susanne Treptows Rücken blubbern 1000 Liter Wasser in einer Säule. Die Geschäftsführerin der Stadtwerke Hameln (GWS) schaut in die Räume des neuen Kundencenters der GWS: „Was man im Getränkemarkt teuer kaufen muss, gibt es mit uns schon für 1,34 Euro aus der Leitung.“ Der günstige Preis für die 1000 Liter ändert aber nichts daran, wie wertvoll Wasser für die Stadtwerke ist. So erzeugt die GWS  jährlich fünf  Prozent des Hamelner Energiebedarfs aus Wasserkraft.
 
Eine der beiden Anlagen dafür befindet sich an der Pfortmühle nahe der Altstadt. Hier schäumt und spritzt das Wasser der Weser aus einer Höhe von 2,80 Metern über das Wehr der Anlage. Die Weser ist für Hameln längst mehr als nur der Tatort des sagenumwobenen Rattensterbens. „Wir können mit dem Strom aus der Wasserkraft im Jahr über 3700 Drei- Personen-Haushalte versorgen“, erklärt Susanne Treptow. Daneben setzt die GWS auf Biogas und Photovoltaik, die weitere fünf Prozent zum Energiemix beisteuern – und seit Dezember 2009 ist sie Miteigentümerin eines Onshore-Windparks.

Verschiedene umweltfreundliche Technologien versorgen auch das Wohngebiet Rotenberg mit Strom und Wärme. Die Siedlung liegt nur rund 2500 Meter von der Altstadt entfernt und zeigt, wie das Energiekonzept der Zukunft aussehen könnte: Die etwa 200 Wohneinheiten werden ausschließlich mit moderner Brennwerttechnik und einem erdgasbetriebenen Blockheizkraftwerk (BHKW) versorgt. Über ein optimal isoliertes Leitungssystem gelangt vom BHKW Wärme für die Heizung und Warmwasserbereitung in jedes Haus. Die gleichzeitig entstehende elektrische Energie wird in das Stromnetz der GWS eingespeist. Das senkt die CO2-Emissionen erheblich.

Das Engagement der GWS für umweltfreundliche Technologien dient in erster Linie dem Klimaschutz. Doch es steckt noch mehr dahinter. „Indem wir Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien selbst produzieren, machen wir uns unabhängiger vom Markt“, erklärt Treptow.


Selbstbewusst hat die GWS ihren eigenen Weg auch bei der Umrüstung des Hamelner Erdgassystems von niederkalorischem L-Gas auf hochkalorisches H-Gas eingeschlagen. Mit mehr als fünf Millionen Euro wurden 2006 die Anschlüsse von rund 20 000 Gasgeräten wie Brennwertkesseln auf H-Gas umgerüstet. Außerdem musste eine Möglichkeit gefunden werden, das H-Gas kostengünstig vom neuen Lieferanten WINGAS zur GWS zu transportieren. Eine zum Verkauf stehende NATO-Treibstoff-Pipeline wies den Weg. 2004 kaufte WINGAS die Pipeline und rüstete sie für den Erdgastransport um. So wurde das Fernleitungsnetz der WINGAS TRANSPORT mit dem Endverteilernetz der GWS verbunden.
 
Seit Oktober 2006 strömt H-Gas unterirdisch nach Hameln. Oberirdisch säumen Fachwerkhäuser die engen Gassen der Altstadt. Kaum ein Neubau stört den Eindruck, sich in der perfekten Kulisse für eine Wiederbelebung des Rattenfänger-Mythos zu befinden. „Als einer der beiden Hauptsponsoren unterstützen wir seit zehn Jahren die Aufführung des Musicals Rats“, sagt Susanne Treptow. Von Mai bis September lockt das kostenlose Open-Air-Musical rund 50 000 Besucher in die Stadt.

Doch auch der Rattenfänger hat sich seit seinem ersten Auftritt in Hameln weiterentwickelt. Anlässlich des 725-jährigen Jubiläums der Sage hat die Hameln Marketing und Tourismus GmbH den Rattenfänger generalüberholt. Im Jubiläumsjahr 2009 präsentierte er sich nicht bunt, sondern geheimnisvoll und magisch. So führt seitdem ein Schauspieler die Besucher auf den dunklen Spuren des Rattenfängers durch die Altstadt. Die Stadtwerke haben das Jubiläum mit zahlreichen Aktionen unterstützt. „Für mich bleibt der Rattenfänger aber eine fröhliche Sagengestalt“, gesteht Susanne Treptow. Kein Wunder – hat die gebürtige Hamelnerin ihn doch seit ihrer Kindheit so kennengelernt.

Wie stark die GWS-Geschäftsführerin in Hameln verwurzelt ist, zeigt sich beim Spaziergang durch die Stadt. Immer wieder stoppt sie kurz, um bekannte Gesichter zu grüßen. Auch im Museumscafé im Herzen der Altstadt bleibt nicht nur Zeit für einen Kaffee, sondern auch für einen Plausch mit der Geschäftsführerin Heike Güse-Behling. „Hameln ist meine Heimat“, sagt Susanne Treptow und lacht. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie nun für die Stadtwerke. So ist auch die GWS für sie zum zweiten Zuhause geworden.


Damit sich die Kunden bei den Stadtwerken genauso heimisch fühlen, hat das neue Kundencenter in der Hafenstraße seine Pforten geöffnet. Hier erhalten die Kunden nicht nur Beratung zu Energiefragen, sondern auch in Angelegenheiten der Telekommunikation. Die Stadtwerke haben die Internetzugänge piper:net und piper:air im Angebot, die einen schnellen Zugang ins Internet ermöglichen. Wer es eher gemütlich mag, kann im Kundencenter an einem Gaskamin entspannen.

Von der Hafenstraße ist es nur ein Katzensprung bis zur Berufsakademie Weserbergland. Susanne Treptow hat den 2006 ins Leben gerufenen Studiengang Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Energiewirtschaft mit aufgebaut. Sie selbst hat hier einmal die Studienbank gedrückt und unterrichtet heute die Studierenden.

Gerade für die weiblichen Absolventinnen könnte Hameln ein gutes Karrieresprungbrett sein. Denn eins fällt auf: Nicht nur die GWS hat eine Chefin, sondern auch die Arbeitsagentur, das Finanzamt und die Justizvollzugsanstalt. Und die Oberbürgermeisterin von Hameln heißt Susanne Lippmann. Offenbar hat die Stadt aus der Rattenfängersage gelernt – 1284 verweigerte demnach der männlich besetzte Rat der Stadt dem Rattenfänger seinen versprochenen Lohn und besiegelte damit das Schicksal von 130 Kindern.


Die ganze Wahrheit



Eine Milliarde Menschen kennen die Sage vom Rattenfänger. Doch steckt darin ein wahrer Kern? weiter

Stadtwerke Hameln

Seit 1934 versorgt die GWS Stadtwerke Hameln GmbH fast 60 000 Einwohner mit Strom, Wärme und Wasser. Das Versorgungsgebiet erstreckt sich über 102 Quadratkilometer. Im Jahr 2008 wurden in dieser Region 402 Kilowattstunden Strom allein mit Erdgas erzeugt. Gemeinsam mit der Nachbarstadt Rinteln gründete die GWS 2009 das Gemeinschaftsunternehmen „Weserbergland“ für eine starke kommunale Energieversorgung.