Stromquellen neu gemixt – WendezeitAtomkraft? Nein danke! Deutschland beendet das Atomzeitalter. Der Ausstieg bis 2022 ist beschlossene Sache, die Energiewende eingeläutet. Begleitet wird der Ausstieg von einem umfangreichen Gesetzespaket, das die Weichen für den künftigen Energiemix Deutschlands stellt. Die Regelungen und ihre möglichen Auswirkungen im Überblick.Atomausstieg – Deutschland schaltet ab
Neben dem Atomgesetz wurde ein Gesetzespaket auf den Weg gebracht, in dem unter anderem der Netzausbau sowie die Steigerung der Energieeffizienz geregelt sind. Die Kosten für den Übergang ins Ökostrom-Zeitalter können sich, laut Schätzungen, bis 2022 auf bis zu dreistellige Milliardenbeträge belaufen. Nicht nur der Ausbau der erneuerbaren Energien und der Stromnetze, sondern vor allem auch die energetische Sanierung von Städten und Kommunen werden hohe Kosten verursachen. Wie hoch die Strompreise im Zuge der Energiewende in den kommenden Jahren ansteigen werden, darüber wird noch gestritten. Denn auch ohne Atomausstieg würden die Preise steigen. Doch der Ausstieg aus der Kernenergie kann sich, nach Ansicht der von der Bundesregierung einberufenen Ethikkommission, auch als Motor für die deutsche Wirtschaft erweisen. Die Energiewende biete technische und ökonomische Chancen.
Woher kommt der Strom in Zukunft?Noch sind es vor allem die konventionellen Energieträger, die die Stromversorgung in Deutschland sichern. Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) wurden im vergangenen Jahr fast 80 Prozent des Stroms in Deutschland aus Kohle (41 Prozent), Kernenergie (23 Prozent) und Erdgas (14 Prozent) produziert. Die erneuerbaren Energien bringen es zusammen auf 17 Prozent, wobei die Windkraft mit 6,2 Prozent den größten Anteil stellt und die Sonnenenergie lediglich bei zwei Prozent liegt. Bis 2020 sollen die Erneuerbaren dann rund 40 Prozent der deutschen Stromversorgung sichern. Laut Deutscher Energie-Agentur (dena) werden dann rund 15.000 Megawatt Photovoltaik und rund 45.000 Megawatt Windenergie benötigt, um den Strombedarf zu decken.Doch da die Stromproduktion durch die Erneuerbaren stark schwanken kann, fordern Energieexperten neben dem Ausbau von Speichertechnologien noch einen Puffer von zusätzlich 6000 bis 8000 Megawatt. dena-Chef Stephan Kohler bevorzugt dabei folgende Lösung: "Es müssten neue, hocheffiziente Erdgas- oder Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 10 000 bis 12 000 Megawatt gebaut werden." Zudem sollen bundesweit bis zu zehn Prozent Strom eingespart werden, vor allem durch energieeffiziente Gebäude sowie verbrauchsarme Motoren und sparsame Haushaltsgeräte.
Klimaziele in GefahrDeutschland will bis 2020 die CO2-Emissionen um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 senken. Das ist politischer Wille. Das ist erklärtes Ziel. Doch dieses Ziel rückt derzeit in weite Ferne: Die Wirtschaft in Deutschland boomt, der Energieverbrauch der Unternehmen steigt kontinuierlich an. In 2010 sind sogar 38 Millionen Tonnen CO2 mehr in die Atmosphäre gelangt als noch 2009, berichtet die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen. Insgesamt waren es 958 Millionen Tonnen Treibhausgase. Wenn nun noch die Kernenergie wegfällt, die Kraftwerke rasch stillgelegt werden, könnte das die deutschen Klimaziele gefährden. Zumal die Stromkonzerne in Deutschland nach dem beschlossenen Ausstieg auf die billigere Braunkohle setzen, um den Atomstrom zu ersetzen - statt auf das, nach Ansicht der Deutschen Energie-Agentur (dena) „effizientere, aber teurere Erdgas“. Doch auch die Renaissance der Kohle sei nur eine vorrübergehende Erscheinung, meint Hartmut Graßl, ehemaliger Direktor des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie. Zwar werde es, so Graßl, durch den Atomausstieg kurzzeitig zu einem erhöhten CO2-Ausstoß kommen, doch „Kohlekraftwerke sind kein Modell für die Zukunft“. Vor allem der Handel mit den CO2-Zertifikaten verteure die Kohle. „Für Investoren sind Kohlekraftwerke daher nicht mehr rentabel.“
Gute Aussichten für Erdgas – Saubere VarianteWenn die Sonne nicht scheint, der Wind nicht weht und die Kernenergie abgeschaltet ist, wenn also eine konstante Stromerzeugung schwierig ist, dann rückt vor allem eine Alternative in den Mittelpunkt: das Erdgas.Nach Meinung vieler Experten kann Gas mittelfristig eine wichtige Rolle bei der Stromerzeugung spielen - auch weil es gegenüber der Kohle im Vorteil ist. Gas ist wesentlich klimaschonender als Kohle. So werden bei der Verbrennung von einer Tonne Braunkohle 3,25 Tonnen CO2 freigesetzt, bei Erdgas nur 1,5 Tonnen. Zudem ist Gas in großen Mengen verfügbar. „Gas ist ein emissionsarmer fossiler Brennstoff und Gaskraftwerke sind eine sehr gute Ergänzung zur Erzeugung aus erneuerbaren Energien“, sagt Hildegard Müller, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Die Stromerzeugung aus Gas ist seit 1990 um gut die Hälfte gewachsen, inzwischen beträgt der Anteil an der Stromversorgung zwölf Prozent. Nach Ansicht des Bundesumweltamts könnten es bis 2020 sogar 37 Prozent werden. Damit wäre Gas die wichtigste Stromquelle in Deutschland. Und Gaskraftwerke sind wegen ihrer Flexibilität schon lange auch Favoriten der Stadtwerke beim Aufbau eigener Erzeugungskapazitäten.
Europas Reaktionen – Die Schweiz lässt sich ZeitDer deutsche Atomausstieg stößt im Ausland auf wenig Gegenliebe. Die französische Regierung hält den deutschen Weg für „Augenwischerei“ und setzt selbst weiter auf Atomkraft, auch um die EU-Klimaziele nicht zu gefährden. Eine Reihe von Ländern bezweifeln, dass die deutsche Industrie den Wegfall des Atomstroms kompensieren kann. Und der schwedische Umweltminister Andreas Carlgren kritisierte gar die „sprunghafte Energiepolitik“ der Deutschen, und glaubt auch, dass künftig wieder verstärkt fossile Brennstoffe in Deutschland verwendet werden. Lediglich Österreich erkennt im Ausstieg eine „wegweisende Signalwirkung“. Das Nachbarland Schweiz tut es den Deutschen gleich und will ebenfalls auf Atomstrom verzichten. Die Regierung in Bern hat den Ausstieg in Angriff genommen - lässt sich aber dabei viel Zeit. Man will in Ruhe eine neue Energiepolitik entwickeln und das Energiesystem im Alpenland umbauen. Der erste von fünf Atommeilern wird 2019 abgeschaltet, die restlichen sollen bis 2034 folgen. Schon jetzt wird rund 60 Prozent des Schweizer Stroms aus Wasserkraft gewonnen, künftig soll dieser Anteil weiter gesteigert werden. Auch Italien hat sich vom Atomstrom verabschiedet, setzt jedoch auf fossile Brennstoffe wie Gas oder Kohle. Im Atomausstieg Deutschlands sehen viele Italiener eine große Chance: Bisher importierte das Land günstigen Atomstrom. Nach dem deutschen Ausstieg schwebt dem Land folgendes Szenario vor: Ohne Atomstrom wird der italienische Gas-Strom konkurrenzfähig, die Produktion erhöht und Italien vom Stromimporteur zum Stromexporteur.
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„Wir investieren in die eigene Strom- und Wärmeproduktion“Interview mit Stefan Weil, Präsident des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), über die Chancen für Stadtwerke. mehr „Viele Millionen Cents können Unternehmen gefährden“Interview mit Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), über die Auswirkungen für Unternehmen. mehr „Kohlekraftwerke haben keine Zukunft“Zitate„Es handelt sich um eine Herkulesaufgabe. Ohne Wenn und Aber.“ Angela Merkel, Bundeskanzlerin, über die Energiewende „Wir sind weltweit ein Unikat. Andere sehen in der Kernenergie eine Zukunftsenergie.“ Klaus Töpfer, Vorsitzender der Ethikkommission „Wenn Deutschland die Atomkraftwerke abstellt, müssen sie durch irgendwas ersetzt werden. Wir bieten uns gern an, ihnen unseren Strom zu verkaufen. Wenn wir so einen Wettbewerbsvorteil haben, umso besser.“ Nicolas Sarkozy, französischer Staatspräsident |









