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Ein Traum von Haus

Moderne Gebäude sind energieeffizient.
Und sehen auch noch gut aus, wie diese drei Beispiele beweisen.


Niedrigenergiehaus in Isernhagen


Gebäudetyp: Einfamilienhaus

Beheizte Fläche: 230 m²

Heiztechnik: Gas-Brennwerttherme mit Solartherme für Heiz- und Trinkwassererwärmung, Heizkamin mit Wasserführung, Fußbodenheizung
 
Primärenergiebedarf (Heizung, Warmwasser und Strom): 48,9 kwh/[m²a]*
 

Nackte Füße sind im Hause Hartmann-Wyrwa keine Seltenheit. „Wir sind überzeugte Barfußläufer“, sagt Karen Hartmann. Das trifft auch auf Töchterchen Liv zu: Die Eineinhalbjährige tapst ohne Schuhe und Strümpfe auf dem blanken Boden herum – ob nun auf den grauen Fliesen im Kochbereich oder auf dem dunklen Parkett des Wohnzimmers.

Dass ihre Tochter dabei kalte Füße kriegt, darüber müssen sich Karen Hartmann und ihr Mann Christian Wyrwa keine Sorgen machen. Denn das Niedrigenergiehaus in Isernhagen bei Hannover hat eine Fußbodenheizung, die für wohlige Wärme in allen Zimmern sorgt. Im Moment ist die Heizung allerdings nicht eingeschaltet. Dafür brennt der Kamin im Wohnzimmer und heizt den Raum, der Küche, Esszimmer und Wohnbereich in einem ist. Die Fenster reichen vom Boden fast bis zur Decke und geben den Blick auf den angrenzenden Wald frei.




Wohnen und arbeiten in einem: Das Wohnzimmer ist das Zentrum des Familienlebens. Hier tobt sich Liv aus (links). Im Anbau hat Fotograf Christian Wyrwa sein Büro eingerichtet (rechts).


Der Kamin ist nicht nur schön, sondern auch praktisch: Er wärmt das Wasser fürs Duschen, Abwaschen und für die Fußbodenheizung. Damit ist er das zentrale Element des Energiekonzepts in dem Einfamilienhaus, das Hartmann und Wyrwa vor drei Jahren bauten. „Wir haben alles um den Kamin herum geplant“, so Wyrwa. „Wir hatten in unserer alten Wohnung einen und wollten darauf nicht mehr verzichten.“ Überhaupt hatten die kaufmännische Angestellte und der Fotograf eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was sie wollten. Energieeffizient und komfortabel, aber bezahlbar sollte es sein.


Auch deshalb hat sich das Paar gegen ein Passivhaus entschieden. „Das wäre uns einfach zu teuer geworden“, erklärt die zierliche Frau. Ein weiterer Grund: Mit der Lüftungsanlage, die im Passivhaus Pflicht ist und gerade im Winter geschlossene Räume voraussetzt, konnten sie sich nicht anfreunden. „Wir reißen gern mal alle Fenster und Türen auf.“

Ein Muss waren dagegen der Gasherd und die Nutzung der Sonnenenergie. Da lag es nahe, einen Mix aus Sonne und Gas zu wählen. Die Lösung: Solarkollektoren auf dem Dach und eine Gasbrennwerttherme im Heizraum neben der Küche. Hier steht auch der Wasserspeicher, ein wuchtiges, graues Fass, das 700 Liter aufnehmen kann. Darin wird die Wärme, die Kamin, Sonne und Erdgas erzeugen, gespeichert und zur Wassererhitzung genutzt. Die Gasbrennwerttherme springt nur dann automatisch an, wenn nicht mehr genügend heißes Wasser im Speicher ist, weil der Kamin nicht gebrannt hat oder die Sonne nicht ausreichend scheint. Die dicke Wärmedämmung an Wänden, Dach und Boden tut ihr Übriges dazu, dass die Familie viel Energie spart. Der Energiebedarf ihres Hauses liegt immerhin knapp 30 Prozent unter den Anforderungen der aktuellen Energieeinsparverordnung.

Das spüren die beiden auch im Geldbeutel: 38 Euro zahlt das Paar im Monat für sein Erdgas. Wie viel das Holz für den Kamin kostet, können sie aber nicht sagen. Denn das stammt aus dem Wald von Hartmanns Eltern, die nebenan wohnen. Das gemütliche Kaminfeuer bekommt die Familie Hartmann-Wyrwa also umsonst.


Sanierter Altbau in Hannover


Gebäudetyp: Mehrfamilienhaus
 
Beheizte Fläche: 637 m²

Heiztechnik: Holzpelletkessel, Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung und Nachheizregister

Primärenergiebedarf: 59 kwh/[m²a]*

Heizwärmebedarf: 21 kwh/[m²a]*

Einen Kamin gibt es in den Wohnungen des Mehrfamilienhauses Schneiderberg zwar nicht – ein behagliches Klima herrscht in dem Haus mit der weiß-gelben Fassade in Hannovers Nordstadt aber trotzdem. Der Weg dorthin war allerdings alles andere als einfach. Das weiß Friedhelm Birth nur zu gut. Der Architekt ist im Vorstand der Wohnungsgenossenschaft WOGE Nordstadt, der das Gebäude gehört. Er betreute mit seinem Team die umfassende Sanierung des viergeschossigen Altbaus im Jahr 2006 und stellte auch die Finanzierung auf die Beine.

Um an dringend benötigte Fördermittel der Deutschen Energie-Agentur (dena) zu gelangen, musste das Mehrfamilienhaus Schneiderberg Vorgaben hinsichtlich des Energiebedarfs erfüllen. Die Bauherren gingen aber noch ein gutes Stück weiter und entschieden sich, das Gebäude im Passivhausstandard zu sanieren, denn, so Birth: „Langfristig zahlt sich der Mehraufwand durch die geringeren Energiekosten in jedem Fall aus.“

Der Aufwand war in der Tat beträchtlich. Vor der Sanierung verfügte der Altbau aus dem Jahr 1900 über keine nennenswerte Isolierung. Um den Standard eines Passivhauses im Bestand zu erreichen, musste hier kräftig nachgearbeitet werden. Denn das A und O beim Passivhaus heißt: Wärmeverluste vermeiden und so den Heizbedarf fast auf Null senken. „Wir haben dem ganzen Haus einen warmen Mantel verpasst“, erklärt der schlanke Mann mit Brille lächelnd. Die Dämmung der Außenwände ist 20 Zentimeter, die für das neue Dach sogar bis zu 42 Zentimeter dick. Auch die Fenster wurden ersetzt. Das Ergebnis zeigt Birth im Treppenhaus, dessen Altbau-Charme ansonsten erhalten geblieben ist: Durch die dreifach verglasten Fenster geht kein Lüftchen mehr durch.




Alt und neu: Treppe und Türen glänzen noch im Altbauflair, frisch sind Fenster und Fassade. Die Sanierung betreute Friedhelm Birth (links).


Wie in allen Passivhäusern übernehmen Lüftungsanlagen das Heizen der zehn Wohnungen. Lediglich in den Bädern findet sich noch ein herkömmlicher Heizkörper. In jeder Wohnung entzieht eine Anlage der verbrauchten Luft ihre Wärme und führt sie mit der Frischluft den einzelnen Räumen wieder zu. Wärmerückgewinnung nennt sich dieses Prinzip. So bleiben rund 90 Prozent der Wärme erhalten. Um den Rest kümmert sich eine Pelletheizung im Keller. „Anfangs war eine Kombination aus Sonne und Erdgas vorgesehen“, sagt Birth. „Aber das Haus ist nach Westen ausgerichtet – da sind Solarkollektoren auf dem Dach wenig effizient.“

Die Holzpellets haben sich als gute Alternative erwiesen, um den geringen Wärmebedarf zu decken. Die Heizkosten für die Mieter lagen im vergangenen Jahr bei unter 50 Cent pro Quadratmeter und Monat; das sind bei einer Wohnung von 65 Quadratmetern bei rund 30 Euro.

Ein Vorteil, den sich die Mieter verdient haben – und zwar durch harte körperliche Arbeit. Denn das Finanzierungskonzept der WOGE sah vor, dass die künftigen Bewohner ihren Teil zur Modernisierung beitragen. Tapeten abreißen, Putz abschlagen, Dachschrägen entfernen – bis zu 1000 Arbeitsstunden hat jeder von ihnen in die Sanierung des Hauses gesteckt. Für Ina Begemann und Frank Heilmann, die gerade ihre Einkäufe nach oben tragen, ein Aufwand, der sich gelohnt hat. Sie fühlen sich in ihrer Dachgeschosswohnung überaus wohl. Auch mit der Lüftungsanlage kommt das Paar gut zurecht: „Die Luft ist frisch und die Wohnung immer warm.“


Passivhaus-Schule in Groß Schwülper


Gebäudetyp: Öffentliches Gebäude
 
Beheizte Fläche: 7.455 m²

Heiztechnik: Gasbrennwertkessel mit Solartherme, Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung und Nachheizregister

Primärenergiebedarf: 114 kwh/[m²a]*

Heizwärmebedarf: 15 kwh/[m²a]*

Wie gut Lüftungsanlagen funktionieren, kann auch Heinz-Dieter Ulrich bestätigen. Der drahtige Mann mit den grauweißen Haaren leitet die Oberschule Papenteich in Groß Schwülper, 50 Kilometer östlich von Hannover. Rote Klinkerfassade, innen viel Licht, kräftige Farben und klare Linien: Das Gebäude sieht kaum wie eine Schule aus. Statt der altbekannten grünen Tafeln hängen in den Klassenzimmern Multimediaboards, die das von Hand Geschriebene digital abspeichern. So modern wie die Einrichtung ist auch das Energiekonzept. Die erst im August 2010 eröffnete Schule wurde komplett im Passivhausstandard errichtet. Auch hier sorgt eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung für wohltemperierte Klassenzimmer. Bei so vielen Jugendlichen kein Problem, scherzt Ulrich: „Die Schüler heizen das Gebäude mit all ihren Hormonen praktisch selbst. Wir haben hier drin bestimmt eine Wärmeleistung von 60 Kilowatt!“




Licht, Luft und klare Linien prägen die Architektur der Schule, die im August 2010 eröffnet wurde. 550 Schüler werden hier unterrichtet. rechts: Schulleiter Heinz-Dieter Ulrich und Architekt Carsten Grobe vor der Kletterwand




Modern: Multimediaboards statt Schiefertafeln
Trotzdem lag der Heizwärmebedarf im ersten Jahr etwas über den berechneten 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr, die ein neu gebautes Passivhaus höchstens verbrauchen darf. Das ist aber normal, weiß Carsten Grobe, dessen Architekturbüro das Energiekonzept geplant und technisch umgesetzt hat: „In den ersten zwei Jahren muss die Lüftungsanlage stärker laufen als danach. Das liegt an der Feuchtigkeit und den Gerüchen, die im Neubau am Anfang vorhanden sind.“

Unterstützt wird die Lüftung von Solarkollektoren auf dem Dach der Schule und einem Gasbrennwertkessel im Heizraum. Die Kombination biete sich für ein Gebäude wie die Schule an, so Grobe: „Solarthermie ist bei Passivhäusern sehr gebräuchlich. Zur Ergänzung wird bei einer solchen Gebäudegröße gern Erdgas eingesetzt, weil es sehr wirtschaftlich ist.“

Dem Pädagogen Ulrich ist vor allem wichtig, dass sich die Schüler mit der Heiztechnik wohlfühlen. Und das tun sie offensichtlich. Ulrich deutet auf einige Mädchen, die im Flur sitzen und lernen. „Unsere Schüler sitzen gern auf dem Boden. Der ist nämlich das ganze Jahr über schön warm.“

Auch in den Klassenräumen bringe die Lüftungsanlage den Schülern Vorteile: Dank ständiger Frischluftzufuhr könnten sie konzentrierter und effektiver arbeiten. Dass Schüler in Schulen mit Lüftungsanlagen bessere Leistungen erbringen, sei sogar durch Studien belegt, bestätigt Grobe. Hat die Lüftungsanlage überhaupt einen Nachteil? „Bei 30 Grad im Sommer ist es manchmal zu heiß“, gibt Ulrich zu. „Aber dann machen wir einfach die Fenster auf.“ Denn das ist entgegen vieler Vorurteile auch im Passivhaus erlaubt.


* Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr


800

Kubikmeter Erdgas verbraucht die Familie Hartmann-Wyrwa im Jahr. Das Holz für den Kamin bekommen sie umsonst.

25

Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr darf ein zum Passivhaus umgerüstetes Gebäude fürs Heizen benötigen.

45.000

Kubikmeter Frischluft werden in der Schule pro Stunde gegen verbrauchte Luft ausgetauscht.

Informationen zum Passivhaus

finden Sie auf der Website des Architekturbüros Grobe: www.passivhaus.de