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Mehr Erdgasleitungen nötig
Gastbeitrag von Dr. Rainer Seele, Sprecher der Geschäftsführung der WINGAS GmbH, für die Frankfurter Allgemeine Zeitung
In den vergangenen Monaten ließen sich bei einigen Energieträgem eine Reihe unerfreulicher Entwicklungen beobachten: Flächendeckende Stromausfälle in den Vereinigten Staaten, damit verbundene zunehmende Preisvolatilität in Perioden knappen Angebotes, und das anhaltend hohe Niveau der Notierungen an den Handelsmärkten für Rohöl. Vor vergleichbarer Instabilität konnten die Erdgasmärkte bis dato bewahrt bleiben. Doch stellt sich die Frage, wie die Erdgaswirtschaft in Zukunft dem Verbraucher das gewohnte Maß an Versorgungssicherheit garantieren kann.
Erdgas hat Zukunft
Trotz einer Vielzahl ordnungspolitischer Eingriffe wird das Erdgas auch in Zukunft seinen Siegeszug fortsetzen. Für die kommenden zehn Jahre wird ein Wachstum der europäischen Erdgasnachfrage um 30 Prozent prognostiziert. Allein in Deutschland wird es bis 2020 seinen Anteil am Primärenergieverbrauch von 22 auf 28 Prozent ausbauen. Für dieses Wachstum spricht auch die Reservensituation - Europa ist in einer exzellenten Ausgangsposition. Über die Region Rußland / Kaspisches Meer/Mittelost sind zwei Drittel der globalen Gasreserven in unserer mittelbaren Nachbarschaft konzentriert.
Nicht übersehen werden darf dabei jedoch: Für die Entwicklung dieser Reserven wird es erheblicher Investitionen bedürfen. Die für die Erschließung neuer Aufkommensgebiete erforderlichen hohen finanziellen Mittel können nur privatwirtschaftlich aufgebracht werden. Aus Sicht der Produzenten bleibt deshalb die Erhaltung der Attraktivität der Absatzmärkte eine notwendige Grundprämisse. Dies betrifft sowohl die Höhe des Margenanteiles, der nach Abzug von. Steuern, Abgaben und Distributionskosten dein Produzenten noch zur Verfügung steht, als auch einen Interessensausgleich hinsichtlich der Laufzeiten der Erdgaslieferverträge. Erhaltung und Ausbau der Energieproduktion sind jedoch nur eine Seite. Für die lange Reise des Gases von der Quelle bis zum Verbraucher sind Schaffung und Ausbau einer angemessenen Infrastruktur ebenso wichtig. Die Optimierung bestehender Kapazitäten im Wege der Durchleitung reicht nicht aus, um den Anforderungen des Marktes hinsichtlich der benötigten Transport, und Speicherkapazitäten genüge zu tun. Konkurrierende Investitionen in die Infrastruktur bleiben ebenso notwendig, und zwar europaweit. Das fortgesetzte Wachstum der Wingas auf dem vergleichsweise liberalen deutschen Markt seit. 1991 belegt eindrucksvoll die Wirksamkeit dieses Konzeptes.
Deshalb ist nachhaltig eine europäische Harmonisierung der Rahmenbedingungen für den Wettbewerb gefordert. Wingas hat in diesem Jahr begonnen Erdgas über die deutschen Grenzen hinaus auch in Belgien und Großbritannien mit- Erfolg zu vermarkten. Bereits jetzt hat Wingas einen Anteil von, sechs Prozent des belgischen Marktes unter Vertrag genommen. Jedoch glauben wir, daß sich durch die uneingeschränkte Zulassung konkurrierenden Leitungsbaues auch in unserem Nachbarland ein noch intensiverer Wettbewerb ausbilden könnte: Ein eindrucksvoller Vergleich belegt die positiven Auswirkungen von Transport- und Speicherwettbewerb auf die Sicherheit der Energieversorgung: Während sich der Anteil der Lagerkapazität in Untertagespeichern 'am gesamten Erdgasmarkt in Großbritannien mit knapp vier Prozent und Belgien mit etwa sieben Prozent unter dem europäischen Durchschnitt bewegt, verfügt Deutschland hier mit 18 Prozent über eine nachhaltige und sichere Ausgangssituation. Übrigens wurde der größte westeuropäische Erdgasspeicher in Norddeutschland durch Wingas in vollem Wettbewerb mit bestehenden Lagerkapazitäten errichtet.
In Ergänzung zu konkurrierenden Infrastrukturinvestitionen begrüßen wir, daß sich allmählich auch de facto das Recht auf Nutzung fremder Netze in ganz Europa durchsetzt. Denn nur auf diese Weise ist. gewährleistet, daß Investoren und andere Marktteilnehmer alle modernen Optimierungsoptionen ausüben können etwa den Erdgasabsatz über traditionelle Marktgrenzen hinweg, die Optimierung der Handelsportfolios an den immer liquider werdenden Handelsplätzen oder den europaweiten Abtausch von Gasmengen. Optimierungen dieser Art leisten einen nennenswerten Beitrag zur Erhöhung der Versorgungssicherheit.
Verhinderter Wettbewerb ist falsch
Doch auch hier gilt: Die Interessen derjenigen Marktteilnehmer, die investieren und damit in besonderem Maße Risiken übernehmen, dürfen nicht aus den Augen verloren werden. Eine nicht sachgerechte Regulierung von Nutzungstarifen in Marktsegmenten, die sich bereits, im Wettbewerb, befinden, das kostenintensive Erzwingen der Entflechtung zusammengehörender Aktivitäten unter dem Stichwort "Legal Unbundling" oder staatlich verordnete Vorhaltepflichten in Erdgasspeichern zur vermeintlichen Risikovorsorge wirken kontraproduktiv und lassen sich kaum mit den Grundprinzipien der Marktwirtschaft vereinbaren. Nur einer frei agierenden Wirtschaft im Wettbewerb wird es möglich sein, auch in den kommenden Jahren die nötigen Investitionen zu mobilisieren.
Schiedsrichter im Wettbewerb der Konzepte und Leistungen bleiben letztlich die Kunden. Auf ihre Bedürfnisse muß sich das Augenmerk der Akteure konzentrieren, auch beim Thema Versorgungssicherheit. Nur übet die Erhaltung und Schaffung von Freiheitsgraden auf Verbraucherebene wird der langfristige Erfolg des Produktes Erdgas in Zukunft zu garantieren sein. Dazu gehört, daß die Erdgasverbraucher endlich auch in praxi die seit langem durch die Politik geforderte Wahlfreiheit erhalten, sich für einen Zweitlieferanten zu entscheiden:
Die Verbraucher haben Vertrauen
Deutlich ist zu sehen: Das Instrumentarium zur Erhaltung von, Versorgungssicherheit und Kundenzufriedenheit ist vorhanden. Niemand braucht es neu zu erfinden. Unsere Kernforderung an den Gesetzgeber besteht in der konsequenten Anwendung dieses Instrumentariums. Wenn das marktwirtschaftliche Fundament des Gasmarktes = Erhaltung eines ausreichenden Angebotes, Belohnung von risikotragenden Marktteilnehmern und Stärkung der Wahlmöglichkeiten für die Kunden seine Festigkeit erhält, werden sich die Verbraucher auch in Zukunft vertrauensvoll für diesen umweltfreundlichen Energieträger entscheiden. Die Gaswirtschaft jedenfalls wird sich schon in eigenem Interesse der Herausforderung, auch morgen noch das Produkt Versorgungssicherheit anzubieten stellen.

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