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Partnerschaften für mehr Versorgungssicherheit im wachsenden europäischen Gasmarkt.

Für ein stärkeres Engagement deutscher Unternehmen bei der Gasförderung in Osteuropa spricht sich jetzt Reinier Zwitserloot aus. Der Vorstandsvorsitzende der Wintershall schreibt in einem Gastbeitrag für den Newsletter des Handelsblattes, nur durch ein fein abgestimmtes Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft werde es gelingen, trotz steigender Importabhängigkeit die Versorgung Europas mit Erdgas auf lange Sicht zu gewährleisten.
 
Der Jahrhundertsommer ist vorbei, und zu den Erinnerungen an den Urlaub gehören für viele von uns scheinbar endlose Staus auf Autobahnen und Fernverkehrsstraßen. Jetzt sind die Temperaturen wieder bemerkenswert schnell auf saisonübliche Werte gefallen, und allenthalben kommen die Heizungen wieder in Gang. Beiden Phänomenen ist eines gemeinsam: Wir fahren mit dem Auto auch weite Strecken in den Urlaub, weil wir natürlich davon ausgehen, dass wir überall den benötigten Treibstoff tanken können. Und wir schalten die Heizung ein, weil wir natürlich annehmen, dass unser Heizöltank bei Bedarf immer wieder gefüllt werden kann oder dass das Gas ohnehin und ohne unser Zutun aus dem Leitungsnetz kommt.
 
Mit einem Wort: Wir gehen davon aus, dass unsere Versorgung mit Öl und Gas reibungslos funktioniert und dass sie gesichert ist. Die meisten denken dabei gar nicht daran, dass sich die Versorgung mit Erdöl und Erdgas nicht von selbst einstellt, sondern aktiv gestaltet werden muss.
 
Dabei ist das Herstellen von nationaler Versorgungssicherheit gerade für Länder, die nicht über ausreichend eigene Ressourcen verfügen, eine entscheidende Aufgabe. Dieser müssen sich zum einen die Unternehmen in Ihrer Rolle als Investoren, zum anderen aber auch die Politik durch die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen stellen. So wäre es beispielsweise kurzsichtig, wollte man sich darauf beschränken, Öl und Gas einfach nur möglichst billig zu importieren. Und auch gute Geschäftsbeziehungen allein garantieren noch keine Versorgungssicherheit. Tatsächlich wird diese aber um so wichtiger, je mehr sich der Verbrauch und die Importabhängigkeit der Endabnehmer steigern.
 
Letzteres gilt gerade für Erdgas, den am schnellsten expandierenden Primärenergieträger Europas. Der Erdgasverbrauch in Westeuropa wächst jährlich um 3 %. In 2002 lag der Erdgasanteil am Energie-Mix bei 23 %, wobei dieser bis 2015 auf 26 % ansteigen dürfte. Noch schneller nimmt die Importabhängigkeit der EU bei Erdgas zu, nämlich von 45 % in 2002 auf 75 % in 2015. De facto bedeutet dies durch den generell steigenden Energiebedarf mehr als eine Verdopplung der derzeitigen Importmengen von rund 200 Mrd. auf über 400 Mrd. Kubikmetern im Jahr 2015. In den EU-Beitrittsstaaten beträgt die Importabhängigkeit bei Erdgas dabei bereits heute 69 %.
 
Diese Zahlen verweisen klar auf Handlungsbedarf in den europäischen Verbraucherländern: Die Verantwortung zur Erschließung neuer Vorkommen können sie vor dem Hintergrund der wachsenden Importabhängigkeit nicht länger den Erzeugerländern allein überlassen. Vielmehr sind sie aufgefordert, selbst zu investieren - also mit eigenen E&P-Engagements die Risiken, die zunächst durch die enorm hohen Investitionen am Anfang der Wertschöpfungskette entstehen, mit zu schultern. Damit wird zwar die traditionelle internationale Arbeitsteilung ein Stück weit aufgehoben; aber diese Änderung der Strategie ist aus meiner Sicht der richtige Weg in die Zukunft.
 
Wir bei Wintershall haben diese Notwendigkeit verstanden und die Herausforderung bereits aktiv angenommen. Mitte Juli haben wir in Moskau gemeinsam mit dem weltweit größten Gasproduzenten, der russischen Gazprom, ein Joint Venture namens Achimgaz mit paritätischer Beteiligung gegründet. Mit einem Investitionsvolumen von 700 Mio. Dollar wollen wir im westsibirischen Novy Urengoy Gas und Gaskondensat aus tiefer gelegenen Lagerstätten fördern. Beide Partner können hierbei ihre jeweiligen Stärken voll zum Tragen bringen: Gazprom die jahrzehntelange Erfahrung in der Förderung in arktischen Gebieten, Wintershall ihre gleichfalls langjährige Expertise in der Nutzung technisch schwieriger Lagerstätten.
In dem auf 40 Jahre angelegten Projekt wollen wir insgesamt rund 200 Milliarden Kubikmeter Gas fördern. Diese zusätzlichen Gasmengen können mit dafür sorgen, dass Gazprom neben der Versorgung Russlands auch seine Rolle als wichtigster Exporteur nach Europa nachhaltig erfüllen kann.
 
Natürlich sind wir auch stolz darauf, dass wir das erste Joint Venture mit Gazprom in der Gasförderung aus russischen Quellen aufbauen und zudem die bisher größte deutsche Direktinvestition in Russland tätigen. Dennoch werden Aktivitäten nach diesem Modell nur dann auch zukünftig attraktiv sein, wenn seitens der Politik die richtigen Weichen gestellt werden. Das heißt, dass sowohl auf nationaler, als auch auf internationaler Ebene klare Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, die es den Unternehmen ermöglichen, tatsächlich auch wirtschaftlich nachvollziehbare Projekte bei der Erschließung, dem Transport und der Vermarktung von Erdgas zu verwirklichen.
 
Gerade die Erhöhung der Versorgungssicherheit erfordert weitere hohe Investitionen der Unternehmen in Produktionsstätten, Leitungen und Speicher, die nur in einem entsprechend positiven Umfeld getätigt werden können.
Hier sehe ich die EU und die Bundesregierung in der Verantwortung, die legitimen Interessen Europas und Deutschlands praxisorientiert zu vertreten. Dazu gehört vor allem, mit den Erzeugerländern attraktive Rahmenbedingungen für Investitionen vor Ort auszuhandeln. Wir bei Wintershall sind gerne bereit, unsere Erfahrungen dabei einzubringen. Nur durch dieses fein abgestimmte Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft wird es gelingen, trotz steigender Importabhängigkeit die Versorgung Europas mit dem ökologisch vorteilhaften Energieträger Erdgas auf lange Sicht zu gewährleisten.



 
Reinier Zwitserloot
Vorstandsvorsitzender der Wintershall