
 Alexej Miller, Vorstandsvorsitzender der WINGAS-Muttergesellschaft Gazprom, über die Erdgasindustrie, die Politik in Russland und seinen Konzern
Herr Miller, Gazprom ist Russlands wichtigster Konzern. Wohin werden Sie Ihr Unternehmen steuern?
Miller: "Gazprom ist bisher der weltweit größte Erdgasproduzent. Und unser Ziel ist es, einer der führenden, vertikal integrierten Energiekonzerne der Welt zu werden. Dafür werden wir die Zahl unserer Abnehmerländer ausweiten, unsere Transportrouten diversifizieren und verstärkt auf neue Produkte setzen: Zum Beispiel auf die verstärkte Produktion von flüssigem Erdgas (LNG)."
Gazprom will zu den fünf größten Ölkonzernen aufsteigen. Wie das?
Miller: "Bisher sind wir auf Erdgas konzentriert, Erdöl führte bei uns bisher ein Aschenputtel-Dasein. Das wird sich ändern. Wir werden noch in diesem Jahr klare Entscheidungen fällen, die zur deutlichen Steigerung unserer Ölförderung in vier, fünf Jahren führen. Wir werden uns auf dem Benzinmarkt positionieren und dazu unsere Produktion von heute zehn Millionen Tonnen auf 40 Millionen steigern. Dazu gründen wir ein eigenes Tochterunternehmen. Darüber hinaus haben wir mit den russischen Ölfirmen Surgutneftegas und Rosneft ein Konsortium zur Erschließung der neuen großen Öl- und Gasvorkommen in Ostsibirien gegründet."
Wo liegen künftig Ihre Absatzmärkte?
Miller: "Bisher beliefern wir nur Europa und die Türkei, jetzt wollen wir noch Asien und die USA gewinnen. Dazu dient auch die geplante Produktion von LNG. Bisher waren die USA und Japan nicht erreichbar für uns."
Für neue Projekte brauchen Sie die Unterstützung der Regierung. Sie haben lange eng mit Präsident Putin zusammengearbeitet.Ist er ein Marktwirtschaftler oder ein autoritär denkender Mensch?
Miller: "Putin ist ein Mann des Wortes und der Tat. Da Gazprom Russlands größter Gasproduzent ist, spreche ich natürlich häufig mit ihm. Sie sind aber nicht sein politischer Berater? Dafür nimmt mich mein Amt als Vorstandsvorsitzender bei Gazprom viel zu sehr in Anspruch. Ich arbeite meist von acht Uhr morgens bis zwei, drei Uhr nachts."
Putin hat kürzlich in einer Rede schnelle Entscheidungen für neue Öl- und Gaspipelines verlangt. Unterstützen Sie das?
Miller: "Der geplante Bau einer Erdgasleitung durch die Ostsee nach Deutschland und dann weiter nach England ist unsere Priorität. Bisher werden 80 Prozent unseres Gases nach Europa durch die Ukraine transportiert. Jetzt suchen wir neue Wege. Bei der Ostsee-Pipeline geht es jetzt deshalb nur noch um die Frage, wann sie gebaut wird. Wir werden in diesem Jahr 50 Millionen Dollar in Engineering-Arbeiten investieren. Wir haben eine Baudirektion in St. Petersburg gegründet und mit allen möglichen Partnern verhandelt. Jetzt geht es um den Baubeginn. Eine Entscheidung werden wir bis Jahresende treffen."
Seit Jahren wird über eine Reform bei Gazprom, sogar über eine Zerschlagung diskutiert. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Miller: "Gazprom wird weiter eine vertikal integrierte Gesellschaft mit Erkundung, Förderung, Transport, Lagerung und Vertrieb von Erdgas bleiben. Wir werden diesen Wettbewerbsvorteil weiter ausbauen."
Allein wollen Sie keinen eigenen Gasvertrieb in Europa aufbauen?
Miller: "Das ist nicht nur eine Frage des Wollens, sondern vor allem eine wirtschaftliche Frage. Ein Partner leistet dabei einen wesentlichen Beitrag – den Zugang zum Markt. Deshalb macht eine Zusammenarbeit Sinn, und unsere deutschen Partner haben dabei große Erfahrung. Wir machen mit Wintershall gute Erfahrungen beim Gasvertrieb in Westeuropa. Sie sind unser strategischer Partner."
Können Sie garantieren, dass Deutschland und Europa immer so viel Gas aus Russland bekommen, wie sie benötigen?
Miller: "Ja, ohne jeglichen Zweifel. Wir haben die Lieferungen binnen 30 Jahren von null auf im vorigen Jahr 134 Milliarden Kubikmeter nach Europa gesteigert. Wenn in weiteren 30 Jahren dann 260 Milliarden gebraucht würden, dann wäre das kein Problem für uns. Wir haben die weltweit größte Ressourcenbasis, und große Teile Russlands sind noch nicht einmal erkundet."

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Hintergrund
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