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"Russland sichert die deutsche Gasversorgung"

Die stabile Partnerschaft gilt es zu fördern
 
Gastbeitrag von John Feldmann, Mitglied des Vorstands der BASF AG in Ludwigshafen und verantwortlich für Öl und Gas sowie Kunststoffe, erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 11.04.2005
 
Wichtige Partner muss man hervorheben und fördern. Aus gutem Grund ist Russland daher Partnerland der Hannover-Messe. dass Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder gemeinsam diese Messe eröffnet haben, ist eine Bestätigung, dass wir vor 15 Jahren den richtigen, erfolgversprechenden Weg eingeschlagen haben. Damals vereinbarte die BASF AG, größter industrieller Gasverbraucher in Deutschland, über ihre hundertprozentige Tochter Wintershall eine enge Zusammenarbeit mit dem weltgrößten Erdgasproduzenten Gazprom. Gazprom erhielt 1990 durch diese Zusammenarbeit direkten Zugang zum deutschen Erdgasmarkt. Die BASF konnte im Gegenzug die Basis für einen wirtschaftlich attraktiven Geschäftsbereich schaffen und ihre Gasversorgung wettbewerbsfähig sichern.
 
Mit dem mittlerweile legendär gewordenen Erdgas-Röhren-Geschäft aus dem Jahr 1970 hat Deutschland Investitionen in die Erdgasinfrastruktur von Beginn an unterstützt. In den ersten 20 Jahren dieser Lieferbeziehung war vereinbart, dass Russland das Gas frei Grenze der Bundesrepublik lieferte und es dann von Ferngasunternehmen in den Markt gebracht wurde. Seit 1990 wird russisches Erdgas unter unmittelbarer Beteiligung der Gazprom in Deutschland verkauft. Dazu haben wir die gemeinsame Tochter Wingas (35 Prozent Gazprom, 65 Prozent BASF/Wintershall) gegründet. Diese neue Art der Zusammenarbeit ist ein Paradebeispiel für die faire Teilung von Risiko und Erfolg. Auf dieser Basis haben wir gemeinsam bereits mehr als 3 Milliarden Euro in eine Infrastruktur mit mehr als 2000 Kilometer Pipelines sowie den größten Erdgasspeicher Europas investiert.
 
Im Sommer 2003 haben wir unsere Zusammenarbeit erweitert. Im Rahmen des Konzeptes "Gas für Europa" haben wir die gemeinsame Vermarktung auf andere Länder ausgedehnt und Ende 2004 unsere Bezugsverträge bis 2030 verlängert. Darüber hinaus haben wir mit Gazprom ein Joint-venture zur gemeinsamen Erdgasförderung in Russland gegründet: das Gemeinschaftsunternehmen Achimgaz. Das Unternehmen wird schon vom nächsten Jahr an Erdgas nördlich des Polarkreises in Sibirien fördern. Zur Erschließung dieser Fundstätte, die innerhalb von 40 Jahren rund 200 Milliarden Kubikmeter Erdgas liefern wird, sind Gesamtinvestitionen von 700 Millionen Dollar geplant. Das Projekt zählt damit zu den größten Investitionen eines deutschen Unternehmens in der Russischen Föderation.
 
Immer wieder wird gefragt, ob man in Russland investieren soll. 2004 wurden mehr als 40 Milliarden Dollar, 40 Prozent mehr als 2003, von ausländischen Unternehmen in Russland investiert. Bringt sich Deutschland in eine zu große und deshalb riskante Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferanten? Diese Sorge ist unberechtigt. 2004 belief sich der Anteil Russlands an den gesamten deutschen Erdgaseinfuhren auf 32 Prozent. Russland hat sich über die Jahrzehnte hinweg als zuverlässiger Lieferant erwiesen. Mindestens ebenso wichtig ist für mich, dass bei Achimgaz mit unserer BASF-Tochter Wintershall erstmals ein deutscher Produzent vor Ort mit dabei ist. Statt passiv an der Staatsgrenze auf das russische Gas aus der Pipeline zu warten, beteiligen wir uns aktiv direkt am Bohrloch und vermarkten gemeinsam. Das erhöht nicht eine angebliche Abhängigkeit, sondern schafft Sicherheit durch Partnerschaft.
 
Man muss zudem auch die umgekehrte Frage stellen: Woher, wenn nicht aus Russland, soll unser wachsender Bedarf an Gas gedeckt werden? Die kleinen deutschen Lagerstätten sind bald völlig erschöpft, die europäischen Vorräte werden bei steigender Nachfrage immer geringer. Die Nachfrage wächst aber nicht nur in Europa. Amerika hat einen ungebrochenen Energiehunger, der der asiatischen Länder wächst schnell. Russland stellt sich darauf ein, beispielsweise mit Kooperationsprojekten mit China als auch mit der Planung von Anlagen zur Gasverflüssigung zum Schiffstransport nach Amerika. Das zeigt: Der internationale Nachfragewettbewerb um russisches Gas wird stark wachsen.
 
Der Vorstandsvorsitzende von Gazprom, Alexej Miller, hat unser Joint-venture als Modell für die Kooperation mit ausländischen Partnern bei der Erdgasförderung in Russland gewürdigt. Wie schon bei der gemeinsamen Vermarktung von Erdgas lebt auch dieses Modell davon, dass beide Unternehmen partnerschaftlich Risiko und Ertrag teilen sowie ihre Kompetenzen bündeln, welche sich in idealer Weise ergänzen: Gazprom hat wie kaum ein anderes Unternehmen Erfahrung bei der Erdgasförderung in arktischen Gebieten, Wintershall bei der Entwicklung anspruchsvoller und tief liegender Lagerstätten.
 
Als Fazit lässt sich deshalb feststellen: Ohne Russland wäre die jetzige und vor allem die künftige Versorgung Deutschlands und Europas mit Gas nicht zu gewährleisten. Unsere Mitwirkung vor Ort bedeutet, diese Versorgung aktiv mitzugestalten (wie wir dies auch in anderen Regionen tun, etwa in der Nordsee und in Libyen). Die wachsende Nachfrage nach Erdgas und der steigende Importanteil erfordern erhebliche Investitionen in die Infrastruktur, die sich laut der Internationalen Energieagentur in OECD-Europa bis 2030 auf mehr als 500 Milliarden Dollar summieren. Wir und andere Unternehmen sind bereit und in der Lage, diese Investitionen zu tätigen sowie die Risiken zu schultern. Dafür benötigen wir zuverlässige Partner wie die Gazprom. Und langfristige, stabile Rahmenbedingungen in Europa und Deutschland.
 
John Feldmann ist Mitglied des Vorstands der BASF AG in Ludwigshafen und verantwortlich für Öl und Gas sowie Kunststoffe.