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„Ohne Erdgas kein Wettbewerb“

Versorgungssicherheit für EU die eigentliche Herausforderung
LNG beeinflusst die europäischen Erdgaspreise zunehmend


Köln/Kassel.
Das europäische Energieunternehmen WINGAS fordert angesichts des stark steigenden Bedarfs für Erdgas in Europa eine Neuorientierung der europäischen Energiepolitik. „Europa braucht deutlich mehr Gas. Die Importquote steigt und bis zum Jahr 2020 muss die EU noch über 100 Milliarden Kubikmeter Erdgas vertraglich sichern. Diese Mengen fehlen uns bislang“, sagte Dr. Rainer Seele, Sprecher der WINGAS-Geschäftsführung, am Donnerstag (11. September) auf der Jahrestagung des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) der Universität Köln. Die Erdgasimporte der Europäischen Union werden in den nächsten Jahren stark zunehmen, die eigenen Erdgasvorkommen vor allem in der britischen und holländischen Nordsee stark abnehmen. „Angesichts der neuen globalen Herausforderung, müssen wir uns fragen, ob wir in der Energiepolitik die richtigen Schwerpunkte setzen, denn eine stärkere Regulierung der Infrastruktur hat nichts mit der Energieversorgung der Zukunft zu tun“, erläuterte Seele: „Es ist Zeit, sich von der Idee zu verabschieden, dass wir uns durch Regulierung unserer Märkte oder auch bürokratische Fesselung unserer Unternehmen von der globalen Preisentwicklung abkoppeln können. Die Versorgungssicherheit der Märkte ist die eigentliche Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Denn ohne ausreichend Gas brauchen wir über Marktliberalisierung und stärkeren Wettbewerb gar nicht mehr zu sprechen.“ Die Arbeitstagung in Köln steht unter dem Titel „10 Jahre Liberalisierung – Rückblick und Ausblick“.

Die Rahmenbedingungen etwa für den Bau von Pipelines, über die zusätzliche Mengen Erdgas in den Markt strömen und so den Wettbewerb intensivieren könnten, würden jedoch immer schlechter. So sieht WINGAS mit der Einführung des neuen Netzzugangsmodells der Bundesnetzagentur eher ein Ende des konkurrierenden Leitungsbaus für den deutschen Erdgasmarkt voraus. „Mit diesem Netzzugangsmodell wurde zwar eine unkomplizierte Schnellstraße zu den Kunden geschaffen – mit dem positiven Effekt, dass das eigene Gasnetz keine Grenzen mehr kennt. Da jedoch Preisvorteile aus dem Bau von Konkurrenzleitungen künftig weder an Kunden weitergegeben, noch selbst profitabel genutzt werden können, werden Investitionen in neue Pipelines immer schwieriger“, erklärte Seele: „WINGAS muss daher seine Strategie überdenken.“ Schließlich würden mit dem Ownership Unbundling erstmals auch noch die Eigentumsrechte in Frage gestellt. „Als Alternative wird uns der ’Independent System Operator’ angepriesen: Die Zusammenlegung der Energienetze – was gleich bedeutend mit der Schaffung eines Netzbetreiberkartells ist“, sagte Seele. Der WINGAS-Geschäftsführer signalisierte in diesem Zusammenhang seine Unterstützung für den von der deutschen Regierung vorgeschlagen „Dritten Weg“, der eine Verschärfung der gesellschaftsrechtlichen Trennung vorsieht. Seele ist der Meinung, dass ein diskriminierungsfreier, effizienter Netzzugang auch durch ein konsequent umgesetztes Legal Unbundling erreicht werden kann. Die sich verschlechternden Rahmenbedingungen würden ansonsten letztendlich dazu führen, dass Investitionen ausblieben und so zu Lasten der Versorgungssicherheit  gingen. Ohne ausreichende Infrastruktur und gesicherte Erdgasbezüge werde es in Europa keinen stabilen und wettbewerbsintensiven Energiemarkt geben.

Kaspische Region hat nur eingeschränktes Exportpotenzial für die EU

Kurzfristig sei die Liquidität auf den internationalen Importmärkten derzeit  zwar kein Problem. „Nur wenige Produzenten sind jedoch heute bereit, sich auch langfristig zu binden. Denn Gas wird für sie immer werthaltiger“, erklärte Seele. Lediglich Russland, mit dem größten zusätzlichen Lieferpotential, habe sich zum Kernmarkt Europa bekannt und langfristige Lieferverträge abgeschlossen. WINGAS hatte erst kürzlich mit der russischen Gazprom, dem größten Erdgasproduzenten der Welt, eine Vereinbarung unterzeichnet, wonach der bestehende Hauptliefervertrag vorzeitig bis 2043 verlängert werden soll.

„So sehr uns diese Energielieferungen freuen, so sehr sorgt man sich in Europa über eine zunehmende Importabhängigkeit von Russland“, erläuterte der Geschäftsführer der WINGAS. Doch die viel gepriesenen Alternativen wie Flüssiggas-Transporte (LNG) und Erdgaslieferungen aus der kaspischen Region seien kein Allheilmittel. Natürlich habe die kaspische Region mit den Produzentenländern Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Aserbaidschan und dem Iran ein großes Exportpotenzial. Doch nach einer tieferen Analyse zeige sich, dass Kasachstan und Usbekistan bereits langfristig ihre Erdgaspotentiale verkauft haben und Turkmenistan offenbar mehr Erdgas verkauft hat, als nachgewiesene Vorkommen existieren. „Realistischerweise bleiben daher nur Gasmengen aus Aserbaidschan und dem Iran als Lieferpotenziale für Europa übrig. In beiden Fällen nicht nur eine interkontinentale politische Herausforderung, sondern hier stehen wir im starken internationalen Wettbewerb – vor allem zu China und Indien“, sagte Seele.

Knappes LNG beeinflusst die europäischen Erdgaspreise zunehmend

Auch die allgemeine Begeisterung für LNG-Transporte kann der WINGAS-Geschäftsführer nicht teilen: „LNG wird stark nachgefragt und ist bereits heute ein knappes Gut. Nach den bisherigen Schätzungen wird sich der LNG-Bedarf in den nächsten Jahren mehr als verdoppeln. Große Wachstumstreiber sind Europa und Amerika – mit einem ganz wesentlichen Unterschied: Amerika hat im Gegensatz zu Europa kaum Alternativen mit Pipelinegas und ist viel stärker auf LNG angewiesen. Der große Nachteil von LNG aus Sicht der Versorgungssicherheit: „Die Transporte gehen immer häufiger kurzfristig in die Märkte, welche den allerhöchsten Preis zahlen.“ Mittlerweile sei es sogar so, dass aufgrund der hohen Flexibilität die zusätzlichen LNG-Transporte zunehmend auch den europäischen Gaspreis mitbestimmten. „Statt lediglich auf mehr LNG zu setzen, sollte sich Europa auf seinen Wettbewerbsvorteil besinnen und auch neue Importkapazitäten über zusätzliche Erdgasleitungen fördern. Wir brauchen möglichst alle Projekte, die derzeit geplant werden“, sagte Seele. Denn erst eine ausreichende Liquidität mache sichere Versorgung und auch Wettbewerb erst möglich.


PI-08-14 - 11. September 2008

Kontakt:
Michael Sasse
Tel.: +49 561 301-3301
Fax: +49 561 301-1321
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Dr. Rainer Seele, Sprecher der Geschäftsführung der WINGAS