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Haus, denk mit! Wer Smart Home hört, denkt an sensorgespickte Haushaltsgeräte und ferngesteuerte Jalousien. Dabei geht es um viel mehr: Komfort, Atmosphäre und ein Plus an Energieeffizienz.

WOHNEN IM PILOTPROJEKT: Die Familien müssen ihr Alltagsverhalten auf die smarte Technik im Modellhaus einstellen.

Die Zukunft beginnt in Wien, und sie ist bei Familie Horx nicht Hightech, sondern Smarttech. Mit dem Quooker fängt alles an. Mit diesem Wasserhahn, aus dem kochendes Wasser kommt, spart man in der Küche viel Energie und Zeit. „Es ist im Grunde eine ganz einfache Technologie, die den Wasserkocher ersetzt“, sagt Oona Strathern-Horx. „Smarttech ist für mich simpel. Ich möchte nicht nach Hause kommen und mit fünf Fernsteuerungen spielen, sondern entspannen.“

Wer sich in Horx’ Future Evolution House umschaut, merkt schnell: Es ist kein Schaufenster für elektronischen Schnickschnack, in dem Kühlschränke selbstständig Milch ordern und sich Waschmaschinen via Handy steuern lassen. Der Zukunftsforscher Matthias Horx und seine Frau leben hier mit ihren beiden Kindern. Er sagt: „Vieles, was an Komplettlösungen auf dem Markt ist, ist wartungsintensiv und bringt wenig Vorteile.“ Deswegen verzichtet er bewusst darauf. Dennoch ist das in vier getrennte Module unterteilte Haus am Stadtrand von Österreichs Hauptstadt etwas ganz Besonderes. Es entstand aus der Frage, wie die Trends Individualisierung, Mobilität, Gesundheit, Ökologie und flexible Arbeitswelt die Wohnarchitektur beeinflussen.

Familie Horx hat dieses Haus selbst entworfen und gemeinsam mit dem Architekten Hans Peter Wörndl gebaut. Aber ein Evolutionshaus ist nie fertig. Immer neue, kleine Innovationen sind Teil der Idee. Horx: „Wir wohnen hier in unserem eigenen Wohnexperiment.“ Und das betrifft alle Bereiche: Energie, Medien, Haussteuerung, Design und Materialien. Geprägt ist das Gebäude durch die Reduktion auf das Wesentliche. „Wir sind verliebt in unser Haus. Es wird sich mit uns verändern und mit uns älter werden“, sagt Strathern-Horx.

Dass ein Smart Home und seine Bewohner so eine harmonische Einheit bilden, ist wohl selten, obwohl das Thema „intelligentes Haus“ immer mehr Sympathisanten findet. Die Beratungsfirma PWC sagt voraus, dass im Jahr 2030 jedes dritte neu gebaute oder renovierte Haus über automatisierte und vernetzte Elektronik verfügen wird. Momentan liegt der Anteil der Smart Homes erst bei drei Prozent. Spürbar ist aber: Es gibt immer mehr Lösungen, immer mehr Modellvorhaben und Bauherren, die ihr Eigenheim mit schlauer IT und energiesparender Heiztechnik ausstatten. Das bestätigt auch Michael Krödel, Professor für Gebäudeautomation an der Fachhochschule Rosenheim: „Es ist ein Riesenthema, das jetzt kräftig Fahrt aufnimmt. Künftig wird alles miteinander vernetzt sein.“ Häufig haben die Verbraucher jedoch falsche Vorstellungen, die aus oberflächlichen Medienberichten und markigen Werbespots resultieren. „Es herrscht der Irrglaube, dass man im Smart Home alles per Smartphone steuert. Aber das ist totaler Unfug“, stellt der Wissenschaftler klar.

Mehr Nutzerfreundlichkeit

Egal, ob Funksteckdosen, Fenstersensoren oder LED-Leuchten: Insgesamt sind Smart-Home-Anwendungen für Verbraucher sehr attraktiv. So wären Interessierte bereit, zwischen 500 und 3.000 Euro für smarte Wohnanwendungen auszugeben. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Marktforschungsfirma YouGov, die mehr als 1.000 Haus- und Wohnungsbesitzer repräsentativ befragt hat. Ein zentraler Aspekt für die Kaufbereitschaft von Smart-Home-Lösungen ist allerdings die Möglichkeit, diese zuvor testen zu können. Für 65 Prozent der Eigentümer ist dies sehr wichtig, für mehr als ein Viertel ist es sogar eine Grundvoraussetzung für den Kauf.

EFFIZIENZHAUS PLUS BERLIN: Die E-Mobile sollen mit selbst erzeugtem Strom aus der PV-Anlage aufgeladen werden.

Mit Blick auf die Interkonnektivität stellt sich die Frage, warum sich Hersteller wie Miele, Intel, Philips und Co nicht auf einheitliche Standards einigen können, über die alle Geräte zentral gesteuert werden. Solange dies nicht der Fall ist, mache es die Sache unnötig komplex. „Die Technik muss insgesamt viel einfacher und benutzerfreundlicher werden“, fordert auch Experte Krödel. Kaum ein Benutzer wird Lust verspüren, sich in die unterschiedlichsten Bedienkonzepte der Apps einzuarbeiten, meint der FH-Professor. Ähnlich denkt Matthias Horx. „Man sollte mit Insellösungen anfangen – einfache Geräte, die sich über WiFi verbinden lassen“, rät der Zukunftsforscher. Für Lars Beckmannshagen ist außerdem das Thema Monitoring entscheidend. „Je mehr Technik eingebaut wird, umso mehr muss man prüfen, ob diese Technik auch gewinnbringend funktioniert und ob der Bewohner sie auch richtig bedienen kann“, ergänzt der Projektleiter beim Zentrum für Energie, Bauen, Architektur und Umwelt (ZEBAU).

Das gilt ebenso für die Heizungsanlage. Neben Erneuerbaren, Pellets oder Fernwärme ist auch eine Wärmeversorgung mit Erdgas in einem Smart Home sinnvoll. „Besonders effizient ist eine Fußbodenheizung mit Gasbrennwerttherme, denn diese Technologie erreicht einen sehr hohen Wirkungsgrad“, erklärt Jörg Stette, Teamleiter Anwendungstechnik Indoor Climate bei Uponor.

Beim Effizienzhaus Plus in Berlin, gefördert vom Bundesbau- und umweltministerium, setzt man hingegen auf Solarenergie. Das Haus wurde im Dezember 2011 von Kanzlerin Angela Merkel eröffnet. Das Gebäude soll auch der Öffentlichkeit als Anschauungsbeispiel dienen. In einem Pilotversuch wurden zwei Testfamilien ausgewählt, die nach jeweils einem Jahr wieder aus dem Zukunftshaus auszogen. Nicht alles lief rund. Die erste Familie etwa beklagte die Abhängigkeit von Technikern, den Kontrollverlust und die trockene Luft. Vor allem im Sommer gab es Ärger mit der Lüftung. Und manchmal haben die Bewohner Geräte wie einen intelligenten Wäschetrockner benutzt, obwohl es gar nicht nötig gewesen wäre. Die Nutzer müssen sich also in ihrem persönlichen Alltagsverhalten erst auf die neue Technik in ihrer Wohnumgebung einstellen. „Das ist ein Lernprozess, den man mit einkalkulieren muss“, meint ZEBAU-Experte Beckmannshagen.

Smart Home lernt

Das futuristisch aussehende Gebäude hat 130 Quadratmeter Wohnfläche. Es ist beinahe vollständig recycelbar und verfügt über die neuesten technischen Features der Energieeffizienz. Anders als bei der Wiener Familie Horx ist hier jede Menge Messtechnik – unter anderem 160 Sensoren für Feuchtigkeit und Temperatur – verbaut. Dank einer PV-Anlage auf dem Dach sollte das Haus deutlich mehr Strom produzieren, als seine Bewohner verbrauchen. Die erste Familie aber schaffte nur ein Plus von 900, die zweite immerhin einen Stromüberschuss von 5.500 Kilowattstunden. Der Plan, die Energie, die das Haus erzeugt, in Hochleistungsbatterien zu speichern und damit die Elektrofahrzeuge an der hauseigenen Ladestation zu betanken, ging also nur zum Teil auf. Als neuralgischer Punkt erwies sich auch die Wärmeversorgung. So wurde die ungeregelte Luft/Wasser-Wärmepumpe durch eine modulierende Pumpe ersetzt. „Diese reagiert selbstständig auf die sich ändernden Bedürfnisse“, so Beckmannshagen.

Mittlerweile steht das Haus leer. Für die Familien war das Leben dort ein ganz neues Gefühl. Das tägliche Beobachten des eigenen Verbrauchs hat den Ehrgeiz geweckt, sich noch energiebewusster zu verhalten, so die Erkenntnis.

Dennoch ist der Komfortgedanke ein wichtiger Innovationstreiber. Experten sind sich sicher: Erst wenn sich Kühlschrank, Heizung und Licht über ein universelles selbstlernendes Bediensystem steuern lassen, bekommt das Thema Smart Home einen gewaltigen Schub.

Text: Katrin Nürnberger

INTELLIGENTE STEUERUNG »Erdgas ist eine denkbare Alternative«

Prof. Lutz Heuser, Geschäftsführer und CTO des Urban Software Institute, über den Markt für Smart Homes, fehlende Standards und die optimale Wärmeversorgung.

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