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Kick für Kick Energiequelle unter den Füßen: Die britische Firma Pavegen hat Kinetikplatten entwickelt, die Schritte in Elektrizität umwandeln. Der Strom wird gespeichert und beleuchtet Fußballplätze.

TREFFPUNKT: Der Fußballplatz in der Favela Morro da Mineira ist der weltweit erste, dessen Flutlichter leuchten können,
weil die Spieler sich auf dem Feld bewegen.
Foto: Edelman/Pavegen

Die Jungs aus Morro da Mineira sind ganz verrückt nach Fußball. Hier, in einer der ärmsten Favelas Rio de Janeiros, ist „futebol“ mehr als nur Nationalsport. Er ist Antrieb und Hoffnung. Denn wer richtig gut ist, der kann Profi werden und kommt raus aus der Favela. Der kann das Leben leben, das man nur aus dem Fernsehen kennt. Darum trainieren sie, Tag für Tag.

Früher bedeutete der Sonnenuntergang das Trainingsaus für die Nachwuchskicker. Der Fußballplatz war wegen fehlender Elektrizität oft unbenutzbar, und die Favela-Jungs mussten auf die umliegenden Straßen ausweichen. Doch jetzt strahlen die sechs Flutlichter am Spielfeldrand den ganzen Abend – man könnte sagen: dank der Begeisterung der Spieler. Denn die britische Cleantech-Firma Pavegen hat unter dem Kunstrasen 200 Kinetikplatten installiert, die jeden Schritt der Kicker in sieben Watt Strom umwandeln. Die erzeugte Energie wird tagsüber gespeichert und reicht aus, um das Spielfeld abends zu erleuchten.

„Wir haben den Leuten in Morro da Mineira gezeigt, wie eine neue Energiequelle ihr Leben verändern kann“, sagt Pavegen-Gründer Laurence Kemball-Cook. Der Fußballplatz, dessen Umrüstung Shell finanzierte, wurde Ende 2014 von Fußball-Legende Pelé eröffnet und war für den 30-jährigen Firmenchef mehr als nur ein Job: „Die Kids haben gesehen, dass Fußball nicht der einzige Weg ist, um aus der Favela zu kommen. Manche wollen jetzt Wissenschaftler werden, Ingenieur, Designer. Die nächste Generation so inspiriert zu haben, das war für uns grandios.“

Im Konferenzraum des Pavegen Headquarters in London hängen Auszeichnungen, auf der Fensterbank drängen sich Pokale. „Der hier ist von meinem ersten Kunden“, sagt Kemball-Cook und zeigt auf eine goldene Trophäe in der Mitte. 2011 installierte er seine Platten bei Nacht und Nebel in einer spektakulären Guerilla-Aktion in einem Shoppingcenter und machte so Investoren und Abnehmer auf sich aufmerksam. Heute zählt Pavegen 45 Angestellte in 30 Ländern.

Platten vor dem Weißen Haus

Das grüne Start-up kann mittlerweile rund 200 Projekte weltweit aufweisen und hat prominente Fans wie den Apple-Mitgründer Steve Wozniak, der die Technologie bei Pavegens Launch in Korea als „super-aufregend“ gepriesen hat. Die Bodenfliesen liegen in Schulen, Universitäten und Bürogebäuden, am Londoner Flughafen Heathrow und am Bahnhof von Saint-Omer in Nordfrankreich, wo die Reisenden Energie für LED-Beleuchtung und zwei USB-Anschlüsse erzeugen. In der britischen Stadt Brighton powerten die Schritte der Weihnachts-Shopper im vergangenen Dezember die Festbeleuchtung  zu Weihnachten und demnächst werden die kinetischen Platten auch vor dem Weißen Haus verlegt.

Das 450x600x680 Millimeter große Produkt hat einen Belag aus recyceltem Gummi, der beim Auftreten leicht nachgibt. Hier hört die Ähnlichkeit mit einer herkömmlichen Platte auf. Im Inneren, geschützt von einem Stahlgehäuse, ist ein System, das mit einer Mischung aus Schwungradspeicherung und elektromagnetischer Induktion funktioniert: Die nach unten gerichtete Kraft jeden Schrittes treibt ein Schwungrad an, das die kinetische Energie in Rotationsenergie umwandelt und speichert. Diese wird via Magneten in Kupferspulen in eine externe Batterie weitergeleitet. „Wenn Leute mindestens alle zehn Sekunden kontinuierlich auftreten, läuft das Schwungrad und erzeugt Strom“, sagt Kemball-Cook. 

 

Neue Software am Start

Pavegens Hightech-Hardware kann mehr als Strom liefern für Beleuchtung aller Art. Wenn man etwa auf der Demo-Installation in seinem Büro probehüpft, geht ein Radio an. Und es gibt eine weitere, sehr interessante Verwendung: „Jede Platte sendet kontinuierlich Daten. Wir haben eine Software entwickelt, mit der wir den Crowdflow analysieren können – wie viele Menschen sich wann und wo in der Stadt bewegen.“ Dies könnte helfen, Beleuchtung effizienter zu kontrollieren. Oder U-Bahn-Passagieren mitzuteilen, auf welchem Abschnitt eines Bahnsteigs sie warten müssen, um in das leerste Abteil einzusteigen. 

Illustration: C3 Visual Lab

Laurence Kemball-Cook träumt vom Potenzial seines Produktes auf den Straßen: „Es ist ein riesiger Markt, denn Autos haben so viel mehr Power.“ Und er sieht den Einzelhandel als großen Abnehmer: „Mit unserer Software kann man in Echtzeit sehen, wie sich Kunden im Geschäft bewegen, welches Produkt sie am meisten interessiert.“ So hat er eine Heatmap-App auf seinem Smartphone installiert, die die Schritte eines Kollegen auf den Demo-Platten zählt und als Farben auswertet. Die am häufigsten besuchte Ecke färbt sich leuchtend rot. „Das hat noch nie jemand so gemacht, ganz ohne Energiequelle. Man muss einfach die Fliesen legen und los geht’s.“

Im Januar hat Kemball-Cook sein jüngstes Ass ausgespielt: neue Platten, die gemeinsam wie ein Netzwerk funktionieren. Die Firma schätzt, dass mit dem neuen System pro Schritt wesentlich mehr Energie erzeugt werden kann als bisher.

Noch ist Pavegens Produkt teuer, die Herstellungskosten pro Fliese betragen etwa 355 Euro. Ziel ist, die Kinetikplatten genauso günstig zu machen wie reguläre Bodenfliesen. „Wenn uns das gelingt, dann sind die Karten neu gemischt. Dann kann uns nichts mehr aufhalten.“

Text: Katrin Nürnberger

Foto: AP Photo

GROSSE ERÖFFNUNG: Fußballstar Pelé weiht das technische Highlight im September 2014 ein.

Strom durch Schritte

20 Platten

können eine Straßenlaterne die ganze Nacht betreiben – wenn tagsüber alle zehn Sekunden jemand drauftritt.


18,4 Millionen

Passagiere pro Jahr laufen über die 51 Pavegen-Platten am Flughafen Heathrow.


8 Kilometer

beträgt der Radius, in dem die gespeicherte Schrittfall-Energie verwendet werden kann.

INTEL INSIDE: »Städte sollten ihre eigene Energie produzieren«

Laurence Kemball-Cook, Pavegen-Gründer und CEO, Triathlet, Cleantech-Enthusiast und Einbrecher aus Werbezwecken.

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