Presseservice der wingas.

Immer aktuell informiert

16.12.2014

Brauchen wir Kapazitätsmechanismen?

Kassel. Im Zuge der Energiewende steht die Stromversorgung in Deutschland und Europa vor einem gigantischen Umbruch. Bis 2022 werden zahlreiche Kraftwerke vom Netz gehen und es drängt sich immer mehr die Frage nach der Versorgungssicherheit in den Vordergrund. Zur Lösung der damit einhergehenden Herausforderungen werden derzeit zahlreiche verschiedene Modelle diskutiert. Aber wie gut passen die unterschiedlichen Modelle der Märkte für Kilowattstunden und der Märkte für Versorgungssicherheit zusammen? Im Interview spricht Dieter Rütten, Leiter Anwendungstechnik Erneuerbare Energien bei WINGAS, über die Bedeutung der Kapazitätsmechanismen und die knifflige Aufgabe, vor der die Volkswirtschaft steht.

 

Herr Rütten, Sie sprechen lieber von Kapazitätsmechanismen als von Kapazitätsmärkten. Warum?
Dieter Rütten: Der Begriff Kapazitätsmarkt impliziert, es gäbe diesen Markt, so wie es Gütermärkte oder Dienstleistungsmärkte gibt, so wie es den PKW-Markt oder den Gasmarkt oder beliebige andere Märkte gibt. Deshalb ist es mir lieber, von Mechanismen zu sprechen - Kapazitätsmechanismen eben. Diese Mechanismen sollen dazu führen, dass es auch mittel- bis langfristig Versorgungssicherheit gibt.


Was sind Kapazitätsmechanismen?
Rütten: Kapazitätsmechanismen sind ökonomische (energiewirtschaftliche) Modelle, die zum Ziel haben, dass es auch langfristig Versorgungssicherheit im Elektrizitätssektor zu möglichst niedrigen Kosten gibt. Dies soll geschehen, indem die Investitionsanreize im Kraftwerksbereich erhöht werden. Mit Hilfe dieser Modelle soll es neben dem reinen Energiehandel, in dem nur die Kilowatt-Stunde gehandelt wird, einen Handel mit gesicherter Leistung - also Kapazität - von Kraftwerken geben.

 

Sind diese Mechanismen wichtig für WINGAS?
Rütten: Gegenwärtig können Gaskraftwerke kaum ihre Betriebskosten erwirtschaften, von den Kapitalkosten wollen wir gar nicht erst sprechen. Neue Gaskraftwerke können unter den gegenwärtigen Marktgegebenheiten nicht gebaut werden. Und selbst existierende Kraftwerke werden zur Abschaltung bei den zuständigen Behörden angemeldet.
Um auch in acht bis zehn Jahren über (neue) Kraftwerke verfügen zu können, brauchen Betreiber und Investoren Investitionssicherheit. Die augenblickliche Marktsituation verschafft diese Sicherheit aber nicht, und es steht zu erwarten, dass sich im Energy-only-Markt derartige Bedingungen auch nicht einstellen. Wenn aber der Markt keine Anreize setzt, muss sich der Gesetzgeber überlegen, ob er eingreift. Zum Beispiel durch Kapazitätsmechanismen, die existierende Kraftwerke am Netz halten oder für neue Investitionen sorgen. Werden keine Gaskraftwerke gebaut und betrieben, bedeutet dies eben ein großes Risiko für die Versorgungssicherheit und für WINGAS in der Konsequenz auch, dass wir kein Gas an Kraftwerke liefern können.

 

Was hat zur aktuellen Situation des Strommarktes geführt und wo geht die Entwicklung noch hin?
Rütten: Der europäischen Gesetzgebung folgend sind in Europa die Strommärkte liberalisiert worden. Nahezu in allen Ländern sind zu Monopolzeiten tendenziell eher Überkapazitäten entstanden, die aber eben auch eine hohe Versorgungssicherheit garantiert haben. Im liberalisierten Markt gibt es nur noch den Handel mit der Kilowattstunde. Das Thema Versorgungssicherheit wird in diesem Markt nicht explizit adressiert, sondern gewissermaßen als gegeben unterstellt. Es werden immer mehr Kraftwerke vom Netz genommen wegen momentaner Überkapazitäten und nicht kostendeckender Strompreise. Der zunehmende Anteil Erneuerbarer Energieträger, die ins Netz drücken, verstärkt den bestehenden Druck auf die Preise. Spätestens wenn das letzte Atomkraftwerk vom Netz genommen wurde, werden wir allerdings neue Kapazitäten brauchen. Wird das jetzige Marktdesign nicht durch neue Mechanismen ergänzt, wird bei den aktuellen Bedingungen vermutlich niemand neue Kraftwerke bauen.

 

Wie kann eine ideale Lösung für WINGAS aussehen?
Rütten: Es ist eine sehr knifflige Aufgabe, vor der unsere Volkswirtschaft steht. Zum einen können angesichts der momentanen Überkapazitäten nicht alle notleidenden Kraftwerke durchgefüttert werden, weil dies volkswirtschaftlich sehr ineffizient wäre und den Bedingungen des Wettbewerbs, die wir bei WINGAS ausdrücklich unterstützen, wiedersprächen. Andererseits wäre es wünschenswert, wenn es gelänge, einige der effizientesten Kraftwerke vor der Stilllegung zu bewahren und sie bei Bedarf nutzen zu können. Ansonsten müssten wir später ausschließlich teurere neue Kraftwerke bauen. Dann hätten wir zunächst die Kosten der Stilllegung und anschließend die Kosten des Neubaus. Es handelt sich also um eine volkswirtschaftliche Optimierungsaufgabe. Wir wünschen uns einen Mechanismus, der möglichst gut zum Energy-Only-Markt passt und einen echten Markt für Versorgungssicherheit entstehen lässt. Als Nebenbedingung sollten die Mechanismen besonders hocheffizienter Kraftwerke mit sehr geringem CO2 Ausstoß im Markt halten beziehungsweise deren Neubau anreizen.

 

 

Ihr Kontakt

Königstor 20
34117 Kassel
Tel.: +49 (0) 561 99858-0 
E-Mail: presse[at]wingas.de

Ihr Kontakt

Königstor 20
34117 Kassel
Tel.: +49 (0) 561 99858-0 
E-Mail: presse[at]wingas.de