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18.11.2014

„Erdgas muss im Stromsektor eine wichtige Rolle spielen“

Kassel. Die Umsetzung der Energiewende geht nur schleppend voran. Die Rückkehr der Kohleverstromung und die daraus resultierende Abschaltung von CO2-armen Gaskraftwerken lassen die Klimaziele der Bundesregierung in die Ferne rücken. Doch wie kann die Energiewende wieder auf Kurs gebracht werden? Welche politischen Schritte nötig sind und welchen Beitrag Erdgas dazu leisten kann, erklärt Dr. Felix Christian Matthes, Forschungskoordinator für Energie- und Klimapolitik am Öko-Institut, im Interview mit WINGAS.

 

Herr Dr. Matthes, die Energiewende steht öffentlich in der Kritik. Wie ist der aktuelle Stand der Energiewende und sind die ehrgeizigen Klimaziele der Bundesregierung nach jetzigem Status Quo überhaupt noch zu erreichen?

Unterschiedliche Aspekte der Energiewende stehen von unterschiedlicher Seite und mit unterschiedlicher Berechtigung in der Kritik. Mit Blick auf die (Strom-) Preisdebatte gilt, dass in den nächsten Jahren in jedem Fall in das Energiesystem massiv investiert werden und dafür mehr Geld ins System kommen muss. Dass diese Kosten derzeit sehr asymmetrisch zu Lasten der Kleinverbraucher und zum Vorteil der energieintensiven Industrie verteilt werden, ist Industriepolitik und hat mit Energiewende wenig zu tun. Schwerer wiegt die absehbare Zielverfehlung bei den Reduktionszielen für den Ausstoß von Treibhausgasen, zumindest für den Horizont 2020.

 

Welche Impulse müssten für das Gelingen der Energiewende aus der Politik erfolgen?

Die Energiewende erfordert Anstrengungen auf vielen Feldern. Zentral sind dabei zunächst vor allem die Erhöhung der Energieeffizienz von Gebäuden und Fahrzeugen, die Einführung von emissionsfreien Energieträgern, wie regenerativen Energien, Strom oder Wasserstoff in den Wärme- und Mobilitätsmarkt. Vor allem geht es aber auch darum, den Ausbau der erneuerbaren Energien in der Stromerzeugung durch einen Abbau des Kohleanteils im verbleibenden fossilen Anteil der Strombereitstellung zu flankieren. Und schließlich bildet die Schaffung und Anpassung der notwendigen Netz- und Speicherinfrastrukturen eine zunehmend an Bedeutung gewinnende Herausforderung.

 

Die Energiewende ist noch vor allem eine Stromwende. Kohlestrom erlebt gerade einen zweiten Frühling, Gaskraftwerke lassen sich aktuell nicht mehr wirtschaftlich betreiben. Wie kann dieser Trend gestoppt werden?

Zunächst bildet die Wiederbelebung des europäischen Emissionshandelssystems eine wichtige Strategie. Ob, inwieweit und vor allem wie schnell das gelingen kann, ist aber derzeit offen. Daher muss auch über zeitweise Ergänzungen oder sogar Alternativen, von CO2-Mindestpreisen bis hin zu ordnungsrechtlichen Vorgaben nachgedacht werden. Wichtig ist jedenfalls, dass zukünftig dringend notwendige, emissionsarme und flexible Kraftwerke nicht der anstehenden Bereinigung von Überkapazitäten zum Opfer fallen. Die Frage der Passfähigkeit zu einem zukünftigen, CO2-armen und am Ende regenerativen Stromsystem wird bei der letztlich unausweichlichen Schaffung von Märkten für gesicherte Kraftwerkskapazitäten nicht ausgeblendet werden können.

 

Erdgas ist der sauberste aller fossilen Energieträger. Welche Rolle kann Erdgas in der Energiewende spielen?

Erdgas ist eine CO2-arme Brückenenergie. Sie kann im Wärmemarkt kurzfristig einen Beitrag zur Verdrängung der noch verbliebenen Ölheizungen leisten, wird aber mengenmäßig an Bedeutung verlieren. Im Stromsektor wird Erdgas vor allem in KWK-Anwendungen eine wichtige Rolle spielen müssen. Darüber hinaus werden wir in erheblichem Ausmaß zusätzliche Kapazitäten von Erdgas-Kraftwerken benötigen, die aber nur wenig ausgelastet sind und daher nur geringe Erdgasmengen einsetzen werden. Inwieweit Erdgas im Verkehrssektor eine signifikante Rolle spielen kann und wird, ist aus meiner Sicht heute noch offen.

 

Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für den Wärmesektor?

Im Wärmesektor wird es zu einer deutlichen Erhöhung der Energieeffizienz kommen und kommen müssen. Damit ist auch der Erdgaseinsatz langfristig stark rückläufig. Erdgas-Angebote werden daher mehr und mehr in der Kombination mit solarer Wärmeerzeugung, zukünftig aber auch noch in viel stärkerem Maße in Verbindung mit Finanzierungsangeboten für die Energieeffizienz sein müssen. Energiekompetenz wird in viel stärkerem Maße mit Finanzierungs- und  IT-Kompetenz vermarktet werden müssen.

 

Erdgasfahrzeuge führen längst kein Nischendasein mehr, sondern gehören zum Alltagsbild auf den Straßen. Alle großen Hersteller haben Erdgasmodelle im Programm. Wie schätzen Sie die weiteren Potenziale von Erdgas im Verkehrssektor ein?

Die Rahmenbedingungen für den Einsatz von Erdgasfahrzeigen ergeben sich vor allem aus der Abdeckung der Erdgasinfrastruktur und der Verstetigung der Steuerbefreiungen. Die Infrastruktur hat sich in den letzten Jahren erheblich verbessert, ob die Steuerbefreiungen wirklich dauerhaft sein werden, bezweifle ich. Letztlich geht es auch im Verkehrssektor nicht um schrittweise sondern um radikale Innovationen. Und die sind aus meiner Sicht eher im Bereich der Elektromobilität und des Wasserstoffs bzw. bei der zweiten und dritten Generation der Biokraftstoffe erwartbar.

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