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16.11.2015

„Erdgas spielt auch in Zukunft eine entscheidende Rolle“

Kassel/Brüssel. Der belgische Energiemix der Zukunft wird sich vom heutigen deutlich unterscheiden. Die belgische föderale Planungsbehörde, Belgisch Federaal Planbureau (FPB), hat vier unterschiedliche Szenarien zur langfristigen Energieversorgung ausgearbeitet. Danielle Devogelaer, Expertin für Energie- und Transportfragen bei der FPB, erläutert die langfristigen Energieprognosen und die Rolle, die Erdgas im Energiemix der Zukunft einnehmen wird.

Frau Devogelaer, wie wird sich der Energiemix entwickeln? Mittelfristig und auch langfristig?
Die Szenarien, die wir für die Vorhersage des künftigen Energiemix zugrunde gelegt haben, sind sehr unterschiedlich. Sollte es in der Energie-, Klima- und Transportpolitik unseres Landes ein „weiter so“ geben, so sind in erster Linie Volumeneffekte zu erwarten: Die Bevölkerung und die Zahl der Familien wächst und die Industrietätigkeit nimmt nach der Finanz- und Wirtschaftskrise wieder zu. Der Primärenergiebedarf wird bis 2030 leicht zurückgehen, um anschließend bis 2050 allmählich wieder zu steigen. Die Treibhausgasemissionen werden kaum verringert.

Szenarien mit einer ehrgeizigeren Klimapolitik skizzieren jedoch ein ganz anderes Zukunftsbild: Der Primärenergieverbrauch wird weiter sinken und der reduzierte Ausstoß von Treibhausgas steht im Einklang mit den europäischen Plänen zum Klimaschutz. Darüber hinaus sehen wir einen Energieträgerwechsel hin zu erneuerbaren Energien und Strom.

Energieeffizienz ist derzeit das bestimmende Thema im Energiebereich. Was sind die Herausforderungen für die belgische Regierung?
Wenn wir das Szenarium einer nachhaltigen, CO2-ärmeren Energieversorgung zugrunde legen – und wir haben kaum eine andere Wahl –, dann liegt noch jede Menge Arbeit vor uns, insbesondere im Gebäudesektor. Dieser muss in großem Maßstab energieeffizienter werden. Wir müssen sowohl in Isolierung investieren als auch die notwendigen Geräte effizienter einsetzen. Natürlich sehen wir auch im Industrie- und Transportsektor Potenzial, das größte Energieeinsparpotenzial muss jedoch ganz klar im Gebäudesektor realisiert werden.

Wie sieht die Zukunft des Stromsektors aus?
Auch der Stromsektor steht vor einer einschneidenden Wende. Belgien wechselt von einer Energieproduktion auf Basis von fossilen Brennstoffen und Kernenergie zu einer zweigleisigen Energieversorgung mit Erdgas auf der einen und erneuerbaren Energien auf der anderen Seite. Um diese Wende in die richtigen Bahnen zu lenken, sind beträchtliche Investitionen notwendig, die wir in erster Linie von nichtöffentlichen Investoren erwarten. Gerade die Investitionen im Stromsektor bleiben jedoch bislang hinter den Erwartungen zurück, weil man dort eine zögerliche und abwartende Haltung eingenommen hat. Dieser Sektor müsste eigentlich einer der ersten sein, der die Wende hin zu umweltfreundlichen Energiequellen anstrebt. Wenn dieser Sektor erst einmal nachhaltig arbeitet, wird dies eine Hebelwirkung auf die anderen Sektoren, wie Transport (Elektroautos), Gebäude (Wärmepumpen) und Industrie (Industrieprozesse), entfalten.

Die Evolution des belgischen Energiesystems wird sich zweifellos auf die Energiekosten auswirken. Welche Überlegungen gibt es in diesem Bereich?
Die Energiesystemkosten – darunter fallen alle Investitionen im Zusammenhang mit Produktion, Vertrieb, Transport und Energieverbrauch, aber auch Brennstoffkosten und Investitionen in Energieeffizienz – werden in allen Szenarien immens steigen. Der Grund sind zahlreiche notwendige Investitionen in neue Technologien und in einzelne Sektoren, wie beispielsweise zu ersetzende Elektrizitätswerke. Aber auch der Umstieg auf Elektrofahrzeuge, die Isolierung von Gebäuden etc. sind ohne Investitionen nicht realisierbar.
Im Referenzszenarium beschreiben die Kosten, die sich im BIP niederschlagen, eine Kurve in Form eines umgekehrten U. Nach 2030 geht dieser Anteil der Energiesystemkosten im BIP wieder zurück, während er in den anderen, mehr politisch getriebenen, Szenarien auch nach 2030 relativ stabil bleibt.
Für 2050 erwarten wir zwischen dem Referenzszenarium und den anderen Szenarien eine Differenz von 2 bis 3 Prozentpunkten. Dies zeigt einmal mehr, dass auch die Energiewende ihren Preis hat und Investitionen erfordert. Diese führen jedoch zu mehr Wachstum und Beschäftigung. In den Politik-Szenarien werden um 2030 viel mehr Arbeitsplätze geschaffen als im Referenzszenarium.

Welche Rolle spielt Erdgas im zukünftigen Energiemix?
Belgien hat den allmählichen Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Die letzten Kernkraftwerke sollen zwischen 2024 und 2025 vom Netz gehen. Da gleichzeitig die Steinkohleförderung unseres Landes kaum noch der Rede wert ist, bleiben nur zwei Energiequellen übrig: Erdgas auf der einen und erneuerbare Energien auf der anderen Seite. Erdgas wird im Energieversorgungssystem eine entscheidende Rolle einnehmen – nicht zuletzt zugunsten der Flexibilität. In allen Szenarien ist der Mix in etwa fünfzig zu fünfzig. In einem zweigleisigen System übernimmt Erdgas die Funktion des Back-ups, um Nachfrage und Angebot im Gleichgewicht zu halten.
Stromimport ist die dritte notwendige Säule. Wenn wir uns stärker auf die wetterabhängigen erneuerbaren Energien verlegen, müssen wir zur Stärkung des Netzgleichgewichts, der Flexibilität und der Zuverlässigkeit stärker auf das Ausland zurückgreifen. Und je mehr dies auf europäischer Ebene geschieht, desto interessanter wird es für alle Akteure.

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E-Mail: presse[at]wingas.de

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