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13.01.2017

„Sobald der Ölpreis steigt, wird auch wieder investiert werden“

Ist Erdöl bereits knapp, wie hat sich die Ölnachfrage entwickelt und wie sehen die internationalen Investitionen im Erdöl- und Erdgasbereich aus? Darüber spricht Christian Growitsch, Dozent für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg, im Interview.

Herr Growitsch, bis vor wenigen Jahren hieß es, die weltweiten Ölreserven gingen bald zur Neige. Wie stellt sich das heute dar?
Öl ist keinesfalls knapp, die Produktionsrate liegt auf einem der höchsten Niveaus der vergangenen Jahrzehnte. Das liegt vor allem an der Förderung aus unkonventionellen Quellen in den USA. Fracking war der „Game Changer“, durch den die Produktion dramatisch zugenommen hat. Die USA haben zwischenzeitlich bis zu zehn Millionen Barrel Öl am Tag produziert. Fünf Jahre zuvor  waren es noch fünf Millionen. Gleichzeitig haben andere Produzenten wie Saudi-Arabien ihre Förderquote bis zum letzten Monat unvermindert beibehalten, in der Hoffnung, Shale Oil und Shale Gas so wieder aus dem Markt drängen zu können.

Wie hat sich die Ölnachfrage entwickelt?
Sie ist weniger stark gestiegen als prognostiziert, etwa weil Chinas Konjunktur sich nicht so entwickelt hat wie erwartet. Seit dem ersten Quartal 2014 ist die Produktionsrate steiler angestiegen als die Nachfrage. Dadurch ist der Ölpreis, der lange bei über 80 US-Dollar pro Barrel lag, auf gut 40 Dollar gefallen. Auf absehbare Zeit werden wir keine deutlich höheren Preise sehen. Dies ändert auch der jüngste Anstieg auf etwa 50 US-Dollar pro Barrel nicht.

Was sind die ökonomischen Folgen?
Auf manche Produzentenländer wirkt der Ölpreisverfall destabilisierend. Venezuela zum Beispiel ist wirtschaftlich am Ende. Insgesamt aber belebt die Entwicklung die Weltkonjunktur, denn die Verbraucher geben das gesparte Geld für Konsumgüter aus. Außerdem haben Unternehmen weniger Vorleistungskosten. Nach Zahlen des Internationalen Währungsfonds führt ein Absinken des Ölpreises um zehn Dollar zu einem 0,2 Prozent höheren weltweiten Wirtschaftswachstum. Der „Economist“ hat ausgerechnet, dass durch den Preisverfall mehr als zwei Billionen Dollar umverteilt wurden.

Wie wirkt sich der niedrige Preis auf die unkonventionelle Förderung in den USA aus?
Natürlich hemmt der niedrige Preis die Produktion und die Investitionen in dieses Geschäft. Aber die Produktion ist sehr flexibel, denn die Anlagen sind mobil und können jederzeit schnell wieder angefahren und neue Felder erschlossen werden. Sobald, wie jüngst, der Preis auf 50 US-Dollar steigt, wird auch wieder investiert. Die Shale-Gas-Vorräte reichen auch nicht nur für 15 Jahre, wie es in vielen Prognosen heißt. Wenn die Technologieentwicklung so weitergeht wie bislang und der zu erzielende Preis stimmt, wird es sich lohnen, neue Quellen zu erschließen beziehungsweise mehr aus den bestehenden Quellen herauszuholen.

Die Internationale Energieagentur hat soeben aktuelle Zahlen zu den Energieinvestitionen vorgelegt. Was sind die wichtigsten Trends?
Laut „World Energy Investment 2016“ sind die globalen Energieinvestitionen deutlich gesunken, insbesondere im Erdöl- und Erdgasbereich. Das liegt an den veränderten Herausforderungen für Investoren, wie makroökonomischer Unsicherheit, einem beschleunigten technologischen Fortschritt im Energiesektor und den niedrigen Energiepreisen. Bei den Upstream-Investitionen für Öl und Gas beobachten wir einen beispiellosen Rückgang: 2015 waren es 25 Prozent weniger als im Vorjahr, 2016 werden es voraussichtlich noch einmal 24 Prozent weniger sein. Dies ist aber dem zwischenzeitlich sehr niedrigen Ölpreis geschuldet. Schon beim aktuellen Preisniveau erwarte ich wieder einen Anstieg der Investitionen.

Wie schätzen Sie die Perspektiven von Shale Gas in Deutschland ein?
Fracking zur Förderung aus unkonventionellen Quellen wäre in Deutschland eine neue Idee. Grundsätzlich bin ich der Meinung, man sollte neuen Ideen erst einmal offen gegenüberstehen und sie wissenschaftlich begleitet testen. Allerdings denke ich, dass Deutschland hier, wie auch bei anderen technologischen Innovationen, der Mut fehlt. Daher wird es – im Übrigen zu meinem Bedauern - CCS, also die Abscheidung und Speicherung von CO2,  hierzulande nicht geben. Fest steht aber auch: Wir sind nicht angewiesen auf heimisches Shale Gas, wir können auch aus anderen Quellen Erdgas erhalten.

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34117 Kassel
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E-Mail: presse[at]wingas.de

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