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12.12.2016

"Wenn wir so weitermachen, ist Mitte der 2030er Jahre das globale CO2-Budget erschöpft"

Interview von Energate mit Ludwig Möhring und Tim Kehler

Für das Thema „Zukunft für Erdgas“ hat energate mit dem Geschäftsführer der Brancheninitiative
Zukunft Erdgas, Timm Kehler, und dem amtierenden Aufsichtsratsvorsitzenden Ludwig
Möhring gesprochen: Wie reagiert die Gaswirtschaft auf die doch deutliche Bedrohung ihres Geschäftsmodells und wie erfolgreich können ihre Bemühungen sein?

Ludwig Möhring ist seit 2010 Vertriebsgeschäftsführer von WINGAS und gilt seit Jahren als einer der engagiertesten Advokaten für Erdgas, auch über das Unternehmen hinaus.

ener|gate: Um mit der Tür ins Haus zu fallen: Das Klimaschutzprogramm 2050 – nach vielen Irrungen und Wirrungen ist es ja nun verabschiedet –, ist das der „Killer“ für die Erdgaswirtschaft?

Kehler: Ja, der Plan hinter dem Plan ist für unsere Branche ein Risiko. Nicht weil er einen direkten Angriff auf die Branche darstellt, sondern weil er die Potenziale von Erdgas schlicht komplett ignoriert und eine breitgefächerte Elektrifizierungsstrategie ohne das Ziel eines echten Klimaschutzes verfolgt. Das ist eine Herausforderung!

ener|gate: Aber wenn man das Ziel einer vollkommenen Dekarbonisierung des Energiesektors bis 2050 ernst nimmt, muss man dann nicht aus Erdgas aussteigen?

Möhring: Wer einen so radikalen Vorschlag macht, muss beschreiben wie er umgesetzt wird. Er muss beschreiben wie der Weg ab 2016 funktioniert, er muss beschreiben wie die dazugehörige Infrastruktur aussieht, er muss klar sagen welche Kosten damit verbunden sind und er muss belegen, dass die Zustimmung der Bevölkerung erhalten bleibt. Wir haben den Eindruck, dass die Folgen einer Vollelektrifizierung aller Lebensbereiche nicht durchdacht sind. Zumindest gibt es dazu keine Kommunikation.

Wir müssen aber diese Diskussion führen. Es fehlt in meiner Geschäftsterminologie der „Proof of Concept“. Deshalb müssen wir als Gaswirtschaft aufzeigen, was jetzt möglich ist. Die Bundesregierung wird ihr CO2-Reduzierungsziel für 2020 verfehlen. Und wenn wir so weitermachen wie bisher, ist Mitte der 2030er Jahre unser globales CO2-Budget erschöpft. Das 2-Grad-Ziel ist dann nicht mehr erreichbar. Wir kommen dann unter Klimaschutzgesichtspunkten in 2050 gar nicht an. Dazu steht aber nichts im Klimaschutzprogramm.

ener|gate: Was heißt denn das konkret aus Sicht der Gaswirtschaft?

Kehler: Wir haben fünf Forderungen beziehungsweise Angebote. Der erste Punkt ist eigentlich
selbstverständlich, er ist es aber in der aktuellen Diskussion leider nicht: Wir müssen CO2 als Leitwährung in allen Klimaschutzmaßnahmen verankern. Wir brauchen dabei kurzfristige Lösungen. Punkt zwei: Wir brauchen ernsthaften Klimaschutz im Strommarkt. Dabei brauchen wir die Diskussion um einen fairen Kohlekonsens. Eine Kohleverstromung bis 2040 wird den ambitionierten Klimaschutzzielen nicht gerecht. Kohlestrom darf auch nicht Grundlage einer Elektrifizierung sein. Der dritte Punkt ist der Wärmemarkt, wo wir ohnehin schon mit minus 38 Prozent die größten CO2-Einsparungen verglichen mit 1990 erreicht haben. Im Verkehr sind es gerade einmal zwei Prozent. Punkt vier ist der Verkehrssektor. Erdgas kann einen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten und zusätzlich die Feinstaub- und Stickoxidproblematik auflösen. Aber erneuerbare Gase müssen dann auch klar in den Flottenverbräuchen der Hersteller angerechnet werden. Dauerbrenner ist natürlich die ausstehende Verlängerung der Steuerermäßigung. Die Ambitionen in der Umsetzung sind komplett verloren gegangen.

Der letzte Punkt ist die Nutzung der Gasinfrastruktur für den Klimaschutz. Damit sind wir dann auch bei der langfristigen Perspektive für Gas. Deutschland braucht in Zukunft mehr als eine Energieinfrastruktur. Nur mit Erdgas wird die Energiewende gelingen.

ener|gate: Aber im Wärmemarkt soll Erdgas relativ kurzfristig bei neuen Anlagen deshalb nicht mehr zum Zuge kommen, um Lock-In-Effekte zuvermeiden!

Kehler: Aber der Wärmemarkt hat noch Potenziale, die man nicht durch Technologieverbote
abwürgen sollte. Man sollte sie lieber durch steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten – keine neue Forderung – oder Abwrackprämien für alte Heizungen heben. Auch erneuerbares Gas sollte im Neubau eingesetzt werden können. Dies wird durch die aktuelle Gesetzgebung sehr erschwert.

ener|gate: Doch dieses Programm propagieren Sie seit Jahren. Und Sie werden dennoch nicht gehört. Dagegen setzt die Politik das Konzept der Sektorkopplung. Woran liegt das?

Möhring: Das Klimaschutzprogramm ist kein Klimaschutzprogramm sondern ein Elektrifizierungsprogramm...

ener|gate: ..was so gewollt ist. Anfang des Jahres hat der Direktor von Agora Energiewende, Patrick Graichen sehr klar gesagt, man müsse den Strommarkt dekarbonisieren und dann den Wärme und Verkehrssektor elektrifizieren...

Möhring: ...und es gelingt der Politik die Fragestellung darauf zu reduzieren, wie viel CO2 noch im Jahr 2050 verbraucht wird. Die richtige Frage muss jedoch vielmehr lauten, wie viel CO2 verbrauchen wir noch bis 2050. Das wird aber komplett ausgeblendet. Politisch kann ich es mir eigentlich nur so erklären, dass man zu einem späteren Zeitpunkt von dem Verfehlen der eigenen Ziele für 2020 durch noch größere Ziele ablenken will. Wir brauchen doch eine Lösung, wie wir jetzt CO2 einsparen. Nur das würde wirklich helfen.

ener|gate: Aber wenn ich es schaffe, die gesamte Energieerzeugung auf erneuerbare Energien umzustellen und dann mit hocheffizienten Systemen im Wärme- und Verkehrssektor diese Energie nutze, ist das doch die Lösung.

Möhring: Der Strombedarf für den Wärmebedarf im Gebäudebestand würde um ein Vielfaches steigen – ebenso der Strominfrastrukturbedarf. Das wird vollkommen außer Acht gelassen.

ener|gate: Deshalb soll es ja mit einer Effizienzstrategie kombiniert werden. „Efficiency First“ lautet das Motto in dem Grünbuch Energieeffizienz der Bundesregierung. Die Stromnachfrage soll durch eine massive Steigerung der Energieeffizienz in Grenzen gehalten werden. Deshalb ja auch der Einsatz hocheffizienter Wärmepumpen im Wärmesektor.

Möhring: Reden wir über Neu- oder Altbau?

ener|gate: Wir reden generell über die Entwicklung im Wärmemarkt.

Kehler: Elektrifizierung heißt Energiewende mal fünf. Unser Job in der Debatte muss es sein, die
tatsächlichen Herausforderungen zu beschreiben, die eine solche Elektrifizierung bedeutet.Wir müssen uns doch nur mal die Dimensionen vor Augen führen. Der Wärmemarkt heute braucht im Winter eine maximale Leistung von 360 GW. Im Verkehr werden noch mal 100 GW benötigt. Wir reden also über eine Verfünffachung der Leistung als Minimum, verglichen mit dem heutigen Bedarf. Selbst wenn ich eine extrem hohe Effizienzsteigerung durch Maßnahmen wie Dämmung oder eine Dreifachverglasung erreiche, habe ich eine Vervielfachung des heutigen Strombedarfs. Das heißt, ich benötige einen deutlich höheren Netzausbau. Wenn das Ganze auf der Basis erneuerbarer Energien erfolgt, müssen wir die Leistung ver-x-fachen. Die Dimension grenzt an die des Wiederaufbaus Deutschlands nach dem Krieg. Elektrifizierung im Wärmemarkt heißt Deutschland abreißen und auf der Kupferplatte wieder neu aufbauen!

ener|gate: Aber braucht man nicht eine Studie, die dies mit Zahlen und Fakten untermauert?

Möhring: Stellen Sie die Frage doch mal an diejenigen, die eine solche Elektrifizierung wollen.

Kehler: Das ist ein einfacher Dreisatz, dazu benötige ich keine Studie!

ener|gate: Moment, man kann jetzt darüber streiten, ob es eine echte Studie ist, aber Prof. Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin hat genau vor dem Hintergrund der Frage des Strombedarfs in einer Kurzstudie vom Sommer dieses Jahres argumentiert, allein mit dem Einsatz von Wärmepumpen lasse sich die Effizienz im Wärmesektor soweit steigern, dass dieser mit einer begrenzten Erhöhung des Angebotes befriedigt werden kann.

Möhring: Aber auch das ist doch eine Studie ohne jede Kostenberechnung.

Kehler: Die Studie geht trotz nicht weiter beschriebener, sehr weitreichender Effizienzmaßnahmen von einer Verdopplung des Strombedarfs
aus.

Möhring: Können wir bitte in diesem Land einfach mal anfangen, ernsthaft über Klimaschutz zu sprechen. Ernsthaft heißt, nachhaltig umsetzbar und bezahlbar. Erst dann stellt sich heraus, was die sinnvollen Möglichkeiten sind, CO2 einzusparen. Wenn wir zum Beispiel feststellen, im Neubau geht dies am effektivsten über Wärmepumpen, Öl- oder Pellet-Heizungen, dann ist es so. Tatsache ist: Das ist in den meisten Fällen nicht der Fall. Was uns jedoch ärgert, ist, dass Klimaschutz begriffen wird als „fossil ist schlecht, erneuerbar ist gut“. Dabei liegt die Lösung in der Integration von erneuerbaren und konventionellen Energien.

ener|gate: Aber wenn man sagt, ich benötige auch langfristig noch fossile Energien, dann heißt dies entweder CCS oder es geht nicht, beziehungsweise ich muss fossiles durch „grünes“ Gas ersetzen. Noch mal, wenn man das Ziel akzeptiert, dass bis 2050 der Wärmesektor CO2-frei sein soll, dann benötige ich zumindest eine Doppelstrategie!

Möhring: Ich muss mir doch überlegen, mit welchen alternativen Strategien ich ein Ziel erreichen kann. Das machen wir doch im Unternehmensumfeld genauso und dann wird die bessere Variante gewählt. Aber wir beschreiten zurzeit in der Klimapolitik einen vordefinierten (Elektrifizierungs-)Weg, ohne dass dieser ernsthaft und auch unter Kosten- und Realisierungsgesichtspunkten gegen Alternativen abgewogen worden wäre. Das ist nicht nur riskant, sondern es stellt die Umsetzbarkeit insgesamt in Frage.

ener|gate: Oder Sie glauben nicht an die Zielerreichung 2050!

Kehler: Gegenfrage: Wenn wir nicht mal die Ziele 2020 erreichen – und die wird Deutschland deutlich verfehlen – woher soll dann der Glaube kommen, dass wir die Ziele für 2050 erreichen?

ener|gate: Weil durch Paris eine neue Dynamik entstanden ist, weil andere Länder innovativer sind und uns treiben werden...

Kehler: ...mit der aktuellen Dynamik werden wir die Klimaziele von 2020 im Jahr 2030 erreichen.
Frühestens!

ener|gate: Aber was fordern Sie dann konkret? Würden Sie die Einführung einer nationalen CO2-Steuer unterstützen?

Möhring: Wenn man Klimaschutz ernst nimmt, dann sollte man erst einmal das europäische Emissionshandelssystem stärken. Die Bundesregierung könnte sich für eine massive Verknappung der Mengen und eine Ausdehnung auf andere Sektoren einsetzen. Aber das wird ohnehin zeitnah nicht greifen, weil es in Europa nicht konsensfähig ist. Deshalb müssen wir uns, und das kann man gut oder schlecht finden, um einen fairen Kohle-Kompromiss kümmern.

ener|gate: Der Kohle-Konsens wird aber Zeit benötigen. Die Politik braucht Angebote für schnelle Lösungen. Noch mal, was kann die Gaswirtschaft konkret anbieten? Ist die Gaswirtschaft bereit eine CO2-Steuer zu akzeptieren?

Möhring: Auf den Punkt gebracht: eine CO2-Orientierung ist schon sinnvoll, wenn man Klimaschutz ernst nimmt. Das würde allerdings ein erhebliches Umsteuern voraussetzen. Hat Deutschland dazu die politische Kraft? Nehmen wir zum Beispiel Umweltschutzthemen: Hier laufen aktuell gegen Deutschland EU-Vertragsverletzungsverfahren, weil im Verkehrssektor die Grenzwerte mit Stickoxiden und Feinstaubpartikeln bundesweit überschritten werden. Hier gäbe es wirkungsvolle und direkt verfügbare Maßnahmen, wie zum Beispiel die Erdgas-Mobilität. Doch nichts geschieht.

Kehler: Wir plädieren dafür, dass Klimaschutz marktwirtschaftlich organisiert wird. Natürlich muss CO2 einen Preis bekommen, wenn wir CO2 senken wollen. Wie wir dieses CO2-Preissignal schaffen ist die Diskussion, die wir jetzt aktiv einfordern müssen. Dazu gibt es unterschiedliche Ansätze wie Umlagen, Steuern oder Zertifikate. Kurzfristig kann man aber auch über einen anderen Weg nachdenken. Das gesamte Förderregime ist nicht an CO2 ausgerichtet. Das gesamte KfW Fördersystem und andere Fördermechanismen sollten an der CO2-Wirkung ausgerichtet sein. Wir benötigen eine CO2-Orientierung, zum Beispiel bei der Energieeinsparverordnung (EnEV). Wenn die günstigste Lösung im Neubau über das Ordnungsrecht einen Preis hat, dann brauche ich keine Debatte über Steuern. Ich wehre mich aber auch gegen die Behauptung, Gas sei auf der Verliererspur. Im Wärmemarkt zeigen wir mit der hohen Einsparung seit 1990 heute schon wie es
richtig geht.

ener|gate: Politisch ist aber Erdgas auf der Verliererspur. Und die Politik schafft zumindest Verunsicherung. Deshalb reagieren Sie doch auch so heftig. Deshalb müssen Sie doch etwas dagegen setzen.

Möhring: Gas ist gut fürs Klima, aber das politische Klima zurzeit schlecht für Gas. Wir müssen die Vorteile von Erdgas stärker betonen. Und nichts anderes machen wir gerade. Heißt: wenn wir jetzt in Deutschland endlich eine ernsthafte, technologieoffene Klimaschutzdebatte für Maßnahmen in den nächsten fünf, zehn, 20 Jahren beginnen, haben wir einiges erreicht.

ener|gate: Aber die Vorschläge der Gaswirtschaft werden eben nicht akzeptiert!

Kehler: Einspruch, Sie werden nicht wahrgenommen. Da setzen wir jetzt sehr aktiv ein. Die Branche trägt seit Jahren als Mantra vor sich her, man müsste aktiver für die Vorteile von Erdgas eintreten und sie der Politik erklären. Dies tun wir unter anderem mit unserer aktuellen Kampagne.
Ich nehme in der Branche eine neue Stärke und ein neues Selbstbewusstsein wahr, die Themen
auch öffentlich zu diskutieren.

ener|gate: Woher kommt das neue Selbstbewusstsein?

Kehler: „Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht“. Wir waren zu lange der Meinung, es reicht wenn wir positiv für unsere Themen werben. Aber wir haben jetzt verstanden, dass ein größerer Druck erforderlich ist. Sonst werden wir zwischen den Akteuren, die für Erneuerbare streiten und denen, die Kohle verteidigen, zerrieben. Da wollen wir uns jetzt auch gemäß unserem
Gewicht im Energiemarkt präsentieren. Immerhin hat Erdgas einen Anteil von 20 Prozent am Primärenergieverbrauch.

ener|gate: Das heißt, mehr Öffentlichkeitsarbeit, mehr Kampagnen?

Kehler: Ja! Wann haben Sie das letzte Mal Erdgas auf der Titelseite der Bild-Zeitung gesehen?

ener|gate: Als EWE im Jahr 2005 die Gaspreise deutlich angehoben hat.

Kehler: Letzten Montag lautete die Schlagzeile: „Deutsche machen sich Sorgen um die Energiepreise. Erdgas kann eine Lösung anbieten“. Diesmal also mit einer positiven Botschaft!

ener|gate: Hat das auch etwas mit einem besseren Miteinander der Verbände, vor allem mit einer möglichen größeren Offenheit für die Gasthemen unter dem neuen Vorsitzenden der BDEW-Hauptgeschäftsführung Stefan Kapferer zu tun? Einige Marktteilnehmer glauben, einen gewissen Kulturwandel beim BDEW zu beobachten.

Möhring: Nur so viel aus meiner Perspektive als amtierender Aufsichtsratsvorsitzender von Zukunft Erdgas und Präsident der ASUE: Der gemeinsame Appell der Verbände vom 31. Oktober „Dekarbonisierung mit Gas – Gas kann grün!“, den wir unter anderem mit dem BDEW unterzeichnet haben, adressiert das richtige Thema, nämlich zeitnahen, bezahlbaren Klimaschutz.

ener|gate: Dazu gibt es in dem Report an anderer Stelle noch etwas mehr.

Kehler: Wir haben einfach Trittsicherheit gewonnen, dies ist auch ein Reifeprozess innerhalb der
Zukunft Erdgas. Wir wissen jetzt, dass wir uns in der Öffentlichkeit mit bestimmten Botschaften
zeigen können und sollten.

ener|gate: Noch mal zusammenfassend: Bezahlbarer Klimaschutz heißt für Sie in der Umsetzung Austauschprogramme für alte Heizungen, CO2- Orientierung in der Förderung...

Möhring: Nehmen wir den Wärmemarkt. Es gibt für uns nur eine sinnvolle Leitgröße. Die heißt nicht „mehr Gas im Wärmemarkt“, sondern Orientierung an den besten Optionen zur CO2-Vermeidung. Wenn die neue Ölheizung hier im Einzelfall die effizienteste Option ist, dann sollte sie auch eingesetzt werden. Oft ist es jedoch einfach die Gasheizung.

ener|gate: Wie soll das operativ umgesetzt werden?

Möhring: Es geht schlicht um die CO2-Vermeidungskosten. Heißt: Wie kann ich am günstigsten das meiste CO2 einsparen. Das wird dann mit Beratungsangeboten für Haushalte mit alten Heizungen untermauert, die dann entsprechend unterstützt werden. Das Beispiel Subventionierung von Elektromobilität zeigt doch, wie schnell sich Budgets aktivieren lassen, wenn sie politisch gewollt sind.

ener|gate: Aber ich brauche doch einen konkreten CO2-Minderungsplan für den Wärmesektor?

Kehler: Die Diskussion um einen solchen Minderungspfad fordern wir doch konkret ein. Stattdessen listet die Bundesregierung in dem Klimaschutzplan ein Sammelsurium von Einzelmaßnahmen auf, statt eine große Lösung zu skizzieren.

ener|gate: Das ist immer noch nicht operativ!

Kehler: Nehmen Sie die Primärenergiefaktoren. Analysen zeigen sehr deutlich, dass die aktuelle Setzung der Faktoren weder in Richtung Effizienz, Klimaschutz oder Kosten eine Lenkungswirkung
entfalten. Dies müsste dringend geändert werden. Aber die aktuelle Bundesregierung ist nicht in der Lage selbst solche vermeintlich einfachen Dinge umzusetzen.

Möhring: Sinnvoll wäre unter anderem die Einrichtung einer Kommission, die einen konkreten CO2-Reduzierungspfad bis 2030 festlegen würde, an dem entlang man dann auch agieren und gegebenenfalls nachsteuern kann. Was fehlt, sind einfach die richtigen Leitplanken. Und das merkt man.

ener|gate: Noch eine zusätzliche Perspektive: Wie wichtig ist für Sie das, was man „Greening“
Gas bezeichnet? Ist das aus Ihrer Sicht ein wesentlicher Beitrag oder ein Nebenkriegsschauplatz?

Kehler: Meine Philosophie ist dabei sehr klar. Wenn wir über Erdgas reden, meinen wir nicht das
Gas aus der Erde sondern das Gas, das gut für die Erde ist. Aktuell sehen wir noch gute Potenziale
für konventionelles Erdgas. Aber wenn man in Dekarbonisierungregionen will, wie in Paris vereinbart, dann müssen wir uns die Frage stellen, wie man weiter in Richtung Erneuerbare geht. Damit muss man heute anfangen. Wir werben dafür, dass die vielen Power-to-Gas-Anlagen, aber auch Bio-Erdgas, als Teil der Lösung verstanden werden. Es kann dann nicht sein, dass Bio-Erdgas im Wärmemarkt nicht genutzt werden kann oder Audi aus seiner Power-to-Gas-Anlage nicht für seinen CO2-Verbrauch beim Flottendurchschnitt profitiert.

ener|gate: Ist dies ein Bereich, wo sich Interessen von Infrastrukturbetreibern und Gas-Vertrieben trennen?

Möhring: Es ist doch mehr eine Frage der Skalierbarkeit bei Biomethan und Power-to-Gas und übrigens auch Wasserstoff, was häufig unterschätzt wird. Den Themen werden sich alle Beteiligten stellen müssen, auch die Produzenten. Man sieht ja, dass auch der Einsatz von Biokraftstoffen im Mineralölsektor die Ölproduzenten nicht aus dem Markt gedrängt hat. Was uns jedoch wundert ist, dass die Potenziale der Gasinfrastruktur für den Transport und die Speicherung nicht berücksichtigt werden. Vielleicht liegt dies einfach daran, dass es komplexe und erklärungsbedürftige Themen sind.

ener|gate: Auch da muss man ein Preisschild dransetzen!

Kehler: Mit der Frage beschäftigen wir uns sehr intensiv. Aber wir kommen ja bei weitreichender
CO2-Reduzierung irgendwann an den Punkt, wo ich entweder sehr kostspielige Maßnahmen an
meinem Haus vornehmen muss oder eben einen etwas teureren Energieträger einsetzen kann, der
schon dekarbonisiert ist.

ener|gate: Genau dann stellt sich die Frage, ob die Nachfrage mit erneuerbaren Energien zu befriedigen ist. Daran haben Sie eingangs gezweifelt.

Kehler: Woran scheitert denn der Ausbau erneuerbarer Energien? Doch am Netzausbau!

ener|gate: Stromleitungen durch Gasleitungen zu ersetzen heißt, die hohen Wirkungsgradverluste in Kauf zu nehmen. Wenn ich physisch Strom in Stuttgart benötige, dann muss ich ihn da bereitstellen.

Möhring: Was kostet ein rein strombasiertes System ohne Redundanzen? Denn mich persönlich würde schon interessieren, was denn der Stromtransport der Grenzkilowattstunde kostet, die in Stuttgart benötigt wird, wenn sie aus Norddeutschland transportiert wird und dazu für Redundanzen gesorgt werden muss, falls der Wind nicht weht.

ener|gate: Das hängt ab von der Kostenentwicklung für Batterien, für Demand-Side-Management...

Kehler: ...und von Power-to-Gas. Wir würden es schon gerne sehen, dass man auch bei Power-to-
Gas mal mögliche Effizienzgewinne berücksichtigt. Wir sehen doch aktuell wie jede Anlage ein
technologisches Türchen aufmacht.

ener|gate: Dies ist vielleicht ein ganz guter Abschluss. Herr Kehler, Herr Möhring, vielen Dank für das Gespräch!


Das Interview ist im Energate Jahresreport erschienen.
http://www.energate.de/energate-fachverlag/jahresreport-gas/

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