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Marktgebietszusammen­legung: Aus zwei wird eins.

27.08.2021

Die beiden bestehenden deutschen Marktgebiete GASPOOL und NetConnect Germany (NCG) werden zum 01.10.2021 zu einem gesamtdeutschen Marktgebiet mit dem Namen Trading Hub Europe (THE) verschmelzen.

Die Zielsetzungen des politisch initiierten Zusammenschlusses der beiden Marktgebiete GASPOOL und NCG sind vielfältig. So soll der Gashandelsplatz Deutschland durch die Vereinheitlichung von Regelungen, Preisen und Tarifen zum einen noch liquider und somit attraktiver werden. Damit ist auch die Hoffnung verknüpft, längerfristige Absicherungsgeschäfte nicht mehr wie bisher zwingend über den niederländischen TTF abwickeln zu müssen. Zum anderen wurden bereits ernsthaft verfolgte Bestrebungen unterbunden, die die Verschmelzung einzelner deutscher Marktgebiete mit ausländischen Märkten zum Ziel gehabt hätten und auf Vorbehalte der deutschen Politik stießen.

Zur Umsetzung der Zusammenlegung sind die deutschen Fernleitungsnetzbetreiber (FNB) verpflichtet. Ihre Analyse der Auswirkungen der Zusammenlegung im Rahmen des marco-Projektes“ kam zu einem Ergebnis, das die deutsche Erdgaswirtschaft aufhorchen ließ. Im Vergleich zu der bis September 2021 geltenden Situation würde sich das Niveau an frei zuordenbaren Entry-Kapazitäten (FZK) im H-Gas-System massiv reduzieren. Aufgrund geringer physischer Austauschkapazitäten zwischen den existierenden Marktgebieten stünden ohne weitere Maßnahmen lediglich noch 22% derjenigen Kapazität zur Verfügung, die einen unterbrechungsfreien Zugang zum Virtuellen Handelspunkt (VHP) ohne Restriktionen garantiert.

Die FNB haben als Resultat ihrer Analyse allerdings auch Maßnahmen beschrieben, die die Aufrechterhaltung des bisherigen Niveaus sicherstellen sollen. Anstelle eines langwierigen und teuren physischen Netzausbaus werden sogenannte Markbasierte Instrumente (MBI) eingeführt. Mit Hilfe von VIP-Wheeling, Drittnetznutzung und dem „Spread-Produkt“ sollen Kapazitätsengpässe vermieden werden.

Bei den beiden erstgenannten Instrumenten sollen physische Restriktionen in Deutschland unter Zuhilfenahme benachbarter ausländischer Netzbetreiber durch die Nutzung von Netzpunkten bzw. ganzer Netzabschnitte kompensiert werden. Das „Spread-Produkt“ hat bereits im Rahmen der französischen Marktgebietszusammenlegung seine Wirksamkeit unter Beweis gestellt. Durch den gleichzeitigen börsenbasierten An- und Verkauf von Handelsmengen an verschiedenen relevanten Punkten des Marktgebietes wird ein virtueller Transport generiert.

Den genannten Instrumenten wird mit dem Rückkauf bereits vermarkteter Kapazitäten ein weiteres Instrument zur Seite gestellt. Von den FNB als „ultima ratio“-Option erachtet, sofern die übrigen MBI nicht greifen sollten, stellt diese Maßnahme aus Sicht der Bundesnetzagentur (BNetzA) einen zwingend erforderlichen Baustein des Gesamtkonzeptes dar.

Die Beschaffung der MBI wird zentral über den Marktgebietsverantwortlichen organisiert  und erfolgt kostenoptimal. Laut Einschätzung der FNB werden sich die Gesamtkosten für die Nutzung der verschiedenen MBI auf jährlich 30 Mio. € belaufen und bundesweit auf die Netzentgelte gewälzt. Im Zuge der Testphase sollen die MBI ihre Funktionsfähigkeit unter Beweis stellen. Insbesondere muss der Nachweis erbracht werden, dass deren Nutzung effizienter als ein physischer Netzausbau ist.

Deutschlandweit agierende Marktteilnehmer könnten von den zukünftig einheitlichen Regelungen profitieren, indem Prozesse vereinheitlicht und somit Kosten eingespart werden können. Sollten die entwickelten Instrumente zur Aufrechterhaltung des Kapazitätsniveaus allerdings nicht ihre erwartete Wirkung entfalten, so läuft der Gashandelsplatz Deutschland Gefahr, die angedachten Ziele zu verfehlen. Darüber hinaus könnten negative Auswirkungen auf Liquidität und das Preisniveau zur Folge haben, dass die Beschaffung von Gas für Endkunden schwieriger und teurer als bisher wird.

Zur Sicherstellung eines funktionierenden Marktes ist Planungssicherheit bzgl. der langfristigen Verfügbarkeit von FZK essentiell. Angesichts des bevorstehenden Atom- und Kohleausstiegs stellt ein liquider Gashandelspunkt eine notwendige Bedingung für die an Bedeutung gewinnende wettbewerbsfähige Versorgung von Gaskraftwerken dar.